Noch einmal neu hören

Reihe zeitgenössischer Musik »Alte Meister« mit Epilog beendet

Es war ein besonderer Abschluß gestern abend in der Dresdner Kunstraum »GEH8«: Matthias Lorenz, der hier (mit einer Ausnahme) bereits den Prolog und die vier Teile seiner Konzertreihe »Alte Meister« aufgeführt hatte, kehrte nun noch einmal zurück. Der Kunstraum und Ateliers e. V. hatte seine Abende nicht nur »zugelassen«, sondern war immer interessiert, daß sie dort stattfinden können.

Nach den »Alten Meistern« im Prolog 2014, Stücken für Violoncello solo von Bernd-Alois Zimmermann, Iannis Xenakis, Helmut Lachenmann und Isang Yun, kehrten nun noch einmal die im Laufe der Zeit uraufgeführten Stücke zurück. Sie alle sind zwischendurch bereits mehrfach – auch an anderer Stelle – erklungen, eines, die »kantate für den 2. sonntag nach trinitatis«, hat der Komponist überarbeitet und davon eine zweite Fassung erstellt.

Jörg Herchets Werk ist ruhiger geworden, vor allem im Mittelteil kommt dies zum Tragen. Es ist gleichzeitig das einzige der Stücke, welches das Publikum einbezieht, das Textzeilen singen, lesen sowie zwölf weitere Elemente (Töne, Worte) einfügen soll. Dies übrigens immer individuell sehr frei, mit der Länge des eigenen Atems oder einer selbstgewählten Reihenfolge. Dennoch bildet sich, konnte Matthias Lorenz mit der Erfahrung aller Aufführungen feststellen, immer ein Publikum heraus, eine Gruppendynamik, welche ein individuelles Auseinandergehen überwiegt.

In den vier Teilen der »Alten Meister« war jedem Abend (und jedem Kompositionsauftrag) ein Thema vorgegeben: auf »Zeit« (2015 / Herchet) folgten 2016 »Raum« (Peter Ablinger »In G«), 2017 »Leichtigkeit« (Benjamin Schweitzer »Drift«) sowie im vergangenen Jahr »Balance« (Charlotte Seither »krü«). Die Neuen (musikalischen) Blätter haben alle Uraufführungen besucht (zu finden auf dieser Seite, Kategorie »zeitgenössische Musik«). Insofern war das noch einmal oder neu Erleben ein interessanter Aspekt dieses Epilogs und – um es gleich vorweg zu sagen – es war mehr ein neu Hören als ein Wiederholen. Die Werke traten erstmals in einen gemeinsamen Kontext, und der offenbarte vollkommen unterschiedliche Stücke, Musik, Klangauffassungen. Womit eigentlich der Wert der Reihe noch betont wird, denn sie hat kein eigenes Genre geschaffen oder ein »Profil bedient«, sondern höchst eigenständige musikalische Individuen heraufbeschworen.

Während bei Jörg Herchet ein Anspruch für das Publikum durchaus im Mitwirken bestand, darin, eine Balance zwischen aktivem Mitmachen und passiven (oder aktiven) Hören zu erlangen und das Werk zwischen ruhigen und »erwachenden« Momenten  – auch der kritischen Textauslotung – pendelte, war die von Charlotte Seithers in »krü« (für »roh«) gesuchte Balance eine ganz andere. Mit verschliffenen, gleitenden Töne erreichte hier das Cello immer neue, andere Verharrungsmomente.

Die Reihenfolge der Stücke in der Aufführung entsprach übrigens nicht der Entstehung, sondern – ganz praktisch – einer Zusammenstellung zweier etwa gleicher Konzertteile. Außerdem mußte berücksichtigt werden, daß Benjamin Schweitzers »Drift« das Verstimmen des Cellos erfordert. Dieses Stück klang daher am Ende.

Zuvor durchmaß Matthias Lorenz noch einmal »In G«, das Tonstudio von Peter Ablinger. Der Komponist hatte nachts die Geräusche des Raumes aufgenommen und daraus eine Sequenz ausgewählt, zu der er synchron die Geräusche durch den Solisten nachspielen läßt. Auf der Bühne waren Violoncello und Aufnahme also parallel zu hören. Und das war schon allein deshalb neu, weil die Positionen von Stühlen und Lautsprecher, die räumliche Durchdringung also eine andere war als 2016.

Den vielleicht größten (tiefsten) Eindruck hinterließ »Drift« von Benjamin Schweitzer. Somit war dessen Schlußposition auch dramaturgisch passend. Schweitzer ließ sich vom Begriff »Drift« sowohl in bezug auf Eismassen wie auf Sprachwissenschaften (allmähliche Veränderung der Sprache durch Fremdworte oder Klangfärbungen) anregen und hat dies in drei Abschnitte gefaßt, welche Stetigkeit und kleine Veränderungen darstellten. Großen Bewegungen, die fast zum Stillstand zu kommen schienen, standen immer wieder kleine Impulse, Tremoli, Glissandi, Vibrato entgegen, so daß gerade in der Langsamkeit eine besondere Spannung und Kraft spürbar wurde.

Und wie geht es weiter? Matthias Lorenz sucht ein neues Thema, verriet er im Gespräch, aber es müsse einen guten »Aufhänger« haben.

5. Juli 2019, Wolfram Quellmalz

weitere Informationen und Termine zu Matthias Lorenz und seinem Neuen Klaviertrio Dresden finden Sie hier: www.matlorenz.de/ und www.klaviertrio.net/

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