Das hätte Jane Austen wohl gefallen:

Joseph Haydn und seine Londoner »Jünger«

Diesen Fund verdanken wir einer Radioankündigung: Haydn and his London Disciples (Haydn und seine Londoner Jünger). Joseph Haydn, dazu ein paar Wiederentdeckungen, und das alles gespielt auf einem historischen Flügel – das paßt zu unserer Pianomania. Doch nicht nur das: denn wie sich herausstellte, spürt Rebecca Maurer dem Klang nicht einfach historisch nach, sie weiß ihn auch in einen Kontext zum gesellschaftlichen Leben zu setzen und mutmaßt, daß ein solches Grand Pianoforte (1816) von Broadwood, wie sie es für die Aufnahme verwendet hat, vielleicht bei Giorgiana Darcy auf Gut Pemberley gestanden haben könne, bei Marianne Dashwood hingegen wohl kaum, die hätte sich mit einem Tafelklavier begnügen müssen.

Die Neuen (musikalischen) Blätter hatten sich in der Vergangenheit ebenfalls einmal auf die Suche nach der Musik Jane Austens bzw. ihrer Romane begeben (zu finden in  Ausgabe Heft 19), deshalb können wir bestätigen: Jane Austen hat zumindest Werke Joseph Haydns im Konzert gehört, und auch in ihren Notenbüchern tauchte er auf.

Doch so literarisch oder theoretisch muß man es gar nicht sehen. Eine gute CD kann man einfach hören, und bei dieser fällt schon in der einleitenden Sonate C-Dur (Hob. XVI:50) der reiche, warme Klang des Instrumentes auf. Etwas trockener, »kürzer« als ein moderner Konzertflügel, offenbart der Broadwood vor allem Klangreichtum (im Gegensatz zu Wiener Modellen, die weniger für den großen Konzertsaal gedacht waren und deren Qualität in einer feinen Artikulation liegt). Und: nur wenige Klaviere (Modelle) überhaupt konnten (und können) »open pedal« gespielt werden (also mit ständig heruntergedrücktem Dämpfungspedal), wie kürzlich Ragna Schirmer in einem Leipziger Konzert vorführte (Rezension auf unserer Seite).

Solcherlei Betrachtungen können natürlich jene, die gerne historische Klaviere hören und entsprechende Erfahrungen haben (oder anhand anderer CDs vergleichen können) viel abgewinnen. Aber ebensogut kann der neugierige Haydn-Freund sich am warmen Klang erfreuen.

Beide Hörer finden auf der CD außerdem Werke von Haydn-Schülern bzw. Londoner Komponisten, die seinem Beispiel folgten. Thomas Haigh ist heute nur noch Experten bekannt, Christian Ignatius Latrobe vielleicht nicht einmal diesen. Ihre Werke, in denen sie zum Beispiel Haydn-Themen verarbeiten, wie Thomas Haigh in seinen »Three Canzonetta’s of Dr. Haydn«, als »Salonmusik« zu bezeichnen, ist vielleicht nicht ganz falsch, sie mit dem Begriff »abzutun« jedoch ganz gewiß. Denn einerseits führen ssie uns einen reizvollen Teil des Londoner Musiklebens im frühen 19. Jahrhundert vor Ohren, andererseits klingen ihre Stücke nach wie vor ambitioniert und launig. (Überhaupt sollte man »Salonmusik« endlich nicht mehr mit »spitzen Fingern« anfassen.) Gleichwohl zeigt sich, daß Haydn der Meister war, der seine Jünger nicht nur in der Komplexität übertrifft, weshalb ihm vollkommen zu recht auch das Schlußwort auf der CD gehört (Sonate Es-Dur, Hob. XVI:52).

Die Freude am Hören vergeht bei dieser Aufnahme auch nach dem dritten, siebenten oder neunten Mal nicht. Und das liegt an der großen Qualität und Ausgewogenheit der technisch ebenso hochwertigen Produktion. (Man ist eher geneigt, sich ein Dielenknarren oder Vogelgezwitscher vor dem Fenster dazuzudenken, um ganz im Salon zu sein.) Wie Klangreichtum hier mit Verständlichkeit und Durchhörbarkeit verbunden wird, zeugt von der tiefen Kenntnis nicht nur der Werke, sondern gleichermaßen der »Umstände«, von einem untrüglichen Gefühl für Stimmung und Ausgewogenheit. Zu den »Umständen« wiederum und zu deren historischer Bedeutung weiß Rebecca Maurer im Beiheft einiges zu sagen.

Ob als Unterhaltung zum gelesenen Buch (selbst wenn es nicht Jane Austen sein sollte) oder zum gespannten Hören – Vergnügen ist hier garantiert!

26. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

Joseph Haydn and his London Disciples
Rebecca Maurer »Joseph Haydn and his London Disciples«, Werke von Joseph Haydn, Thomas Haigh und
Christian Ignatius Latrobe, gespielt auf einem Grand Pianoforte (Broadwood), erschienen bei Genuin

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