Bild und Spiegel

Neue CD von Andrea Lucchesini mit zwei reizvollen Werkpaarungen

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Erlebt man zeitgenössische Werke heute im Konzert, sind diese meist recht kurz, manchmal sogar knapp. Hinterfragt man diese Kompositionen jedoch, ist oft festzustellen, daß sie einen weiter gefaßten Zusammenhang bergen, Teile eines großen Ganzen sind oder Bezüge auf andere Werke enthalten.

Der italienische Pianist Andrea Lucchesini war mit dem Komponisten Luciano Berio (1925 bis 2003) seit den 1990er Jahren befreundet. Der Idee, die sechs Stücke der »Encores« mit Sonaten Domenico Scarlattis zu kombinieren, sie zu spiegeln, hat Berio nach Aussagen des Pianisten höchstes Interesse entgegengebracht – es war das letzte gemeinsam begonnene Projekt der beiden. Fertiggestellt hat Andrea Lucchesini es erst viel später, nun ist es erstmalig auf CD erschienen. »Brin« (Halm), »Leaf« (Blatt) sowie die vier Stücke »Erden-«, »Wasser-«, »Luft-« und »Feuerklavier« hatte der Pianist schon einmal 2004 aufgenommen, nun erklingen sie jedoch wechselseitig mit den Sonaten Scarlattis. Thematische Zentren, die pianistische Brillanz (wie in der Kombination »Luftklavier« / K 342) oder die erzielte Klangwirkung sind die bindenden Glieder, die als Gemeinsamkeiten oder Gegensätze den Zyklus charakterisieren.

Andrea Lucchesini verleiht nicht nur dem »Luftklavier« eine Leichtigkeit, sondern läßt die Stücke reizvoll kontrastieren, sorgt für einen Verlauf mit Steigerungen, imaginativen Höhepunkten, die er mit einer letzten Scarlatti-Sonate in G-Dur (K 146) elegant zur Vollendung bringt.

Kaum weniger spannungsreich ist die zweite Paarung der Aufnahme: Widmann trifft Schubert. Denn anders als bei Berio und Scarlatti, deren Dualität Andrea Lucchesini erst im nachhinein entdeckte, hat der in München lebende Jörg Widmann den Bezug zu Franz Schubert von vornherein geschaffen, dessen Idiomatik eingefangen. Da die sich bedingenden Gegensätze, das Wandern am Abgrund, Gesang und Echo, bei Schubert immanent sind, hat Widmann seine sechs Reminiszenzen passenderweise »Idyll und Abgrund« genannt.

Was lag da näher, als Widmann mit Schubert direkt zu kombinieren? Wie beim Duo Scarlatti / Berio folgen die Stücke hier wechselseitig, wobei Jörg Widmanns Nr. III und IV. in direkter Folge das Zentrum markieren, während das erste und sechste Stück der Moments musicaux für Anfang und Ende stehen. Dem Pianisten gelingt auf dem Steinway D eine leichte, fließende Interpretation, wobei der erste Zyklus von der elementaren Brillanz (eines Kristalls) gekennzeichnet ist, während beim zweiten eine Vertiefung, ein Nachdenken, Verweilen – und Genießen! –, aber auch die Abgründigkeit zu wesentlichen Merkmalen werden. Nur die Pause zwischen den beiden Dialogen hätte deutlich länger ausfallen dürfen als die zwischen den einzelnen Stücken eines Zyklus‘.

Die technisch hervorragende Aufnahme wird von einem Beiheft begleitet, welches die Entstehung des Projektes erläutert und Jörg Widmann selbst mit seinem Bestreben der Komposition und der Annäherung an Schubert zu Wort kommen läßt.

Andrea Lucchesini »Dialogues«, Werke von Domenico Scarlatti und Luciano Berio sowie Franz Schubert und Jörg Widmann, erschienen bei Audite

Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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