»Alte Meister« mit einer Uraufführung im Dresdner »geh8«

Matthias Lorenz setzt Reihe zeitgenössischer Musik fort

In der Konzertreihe der »Alten Meister« stellt Matthias Lorenz seinem Publikum jeweils Werke für Cello solo aus der Neuen Musik vor. Bezugspunkt ist immer ein bedeutendes Werk der Epoche, diesmal Iannis Xenakis »nomos alpha«, welches den Abend eröffnet und auch beschließt. Dazwischen erklingen zwei noch neuere Werke, eines als Uraufführung. Zum vermittelnden Charakter der Reihe gehört, daß Matthias Lorenz wichtige Aspekte der Stücke und seiner Auseinandersetzung mit ihnen kommentiert – wohlgemerkt nicht die Werke erklärt. Der zweite Abend der »Alten Meister« hatte den Untertitel »Raum«.

»nomos alpha« ist 1966 für Violoncello solo entstanden (ein Jahr später begann Xenakis die Arbeit an »nomos gamma« für ein im Publikum verteiltes Orchester). Der vielseitig begabte und interessierte Xenakis, der sich unter anderem auch mit Mathematik und Architektur auseinandergesetzt hat, schuf damit ein aus dem abstrakten Raum abgeleitetes Werk: Ausgehend von der geometrischen Form eines Würfels weist er dessen Eckpunkten bestimmte musikalische Werte zu (Tonhöhe, -folge, Lautstärke, Anstricharten etc.). Diese läßt er nicht beliebig aufeinander folgen, sondern entsprechend einer Abwicklungsvorschrift, also abhängig von den Kippungen, die an einem Würfel vollzogen werden können. Mathematisch-abstrakt kann eine Kippung (oder Drehung um 90°) an jeder der acht Würfelecken beschrieben werden, wobei jeweils drei kartesische Achsen für die Drehung zur Verfügung stehen. Es ergeben sich also 8 x 3 = 24 mögliche räumliche Drehungen, die in insgesamt sechs Teilen des Stückes angewendet werden. Insgesamt hat Xenakis damit 144 Zustände oder Elemente beschrieben.

Auch mit den Kommentaren wird kaum jemand im Publikum all diese Elemente identifiziert haben. Was allerdings jeden erreicht haben dürfte, sind die Impulse, die das Werk (in den Raum) aussendet. Was daraus entstanden ist, gleicht nicht einer seriellen Folge von Zuständen, sondern einer komplexen Verquickung von Elementen hoher Intensität. Damit wurde das Werk im geh8 zu einer durchaus elementar fühlbaren Erfahrung. Neue Stücke lassen sich durch assoziatives Hören schneller aufnehmen, wie Matthias Lorenz schon mehrfach von seinem Publikum erfahren hat. Um so schöner, daß man sich bei der am Konzertende folgenden Wiederholung mehr auf den elementaren Aspekt und die Beziehung zwischen den musikalischen Zuständen konzentrieren konnte.

Vor der Pause folgte Robin Hoffmanns »Schleifers Methoden«, ein Stück, welches das Thema »Raum« ganz anders aufnimmt: Der Komponist hat sich hier stark auf den Raum bzw. die »Zelle« des Solisten bezogen, der sein Instrument nicht nur anfaßt und hält, sondern es praktisch körperlich umschließt. Für Matthias Lorenz, der sich mit Stück und Instrument auseinandersetzt, kommt hier noch der Aspekt der geistigen Umschlossenheit hinzu – erst so entsteht das Werk, das in den Raum der Umgebung ausstrahlt. Robin Hoffmann spielt stark dabei mit dem auf die Saite bezogenen Raum. Anders als sonst, wenn meist der »untere« Teil der abgegriffenen Saite gespielt wird, setzt er auch den »oberen« ein, dazu wird durch Verschiebung des Abgreifpunktes die Tonhöhe verändert. Daraus folgen ein sehr obertonreicher Klang sowie zahlreiche Verschiebungen und Verzerrungen. Nach gezupften und gestrichenen Saiten in den ersten beiden Teilen werden diese Formen der Klangerzeugung dann kombiniert, bevor am Schluß die Hände von den Saiten gerissen werden – auch das erzeugt einen Ton, das Loslassen. Das Verlassen des Raumes ist also keineswegs ohne Konsequenz. Oder: Null und nichts haben abstrakt sowie auch musikalisch eine Bedeutung.

Nach dem der Raumbegriff in den Werken vor der Pause abstrakt und lokal auf die Spieler-Instrument-Kombination bezogen gewesen war, wurde er in der Uraufführung Peter Ablingers »in G« sogar konkret erfahrbar. Der Komponist hat dazu nachts für exakt 1001 Sekunden den Klang in seinem Studio aufgenommen. Als Basis des Stückes dient die Bandaufnahme, aus der Peter Ablinger eine Cellostimme abgeleitet hat. Abgesehen von einem Anfangs- und Endton (womit sich ein Kreis bzw. ein räumliches Rund schließen ließe) läuft diese Aufnahme sehr leise, auch die Cellostimme ist und wird nicht dominierend. Und genau das macht einen hohen Reiz des Werkes aus, denn es versetzt das Publikum in eine andere Position: statt passiv zuzuhören, sich zu interessieren oder zu urteilen versagt es ihm die Passivität. Durch den geringen Geräuschpegel läßt sich manchmal nicht unterscheiden, was vom Band kommt und was von draußen (von der Straße) oder aus dem Publikum. Der Zuhörer wird dadurch verleitet, aktiv mitzuhören und zu identifizieren, was er hört und von wo es kommt. Dazu bieten sich viele Reizpunkte an, denn einerseits spielt das Cello beständig eine Melodie, in der man – traumgleich – den Rhythmus eines Liedes oder einer Tanzmusik zu hören glaubt, andererseits lassen sich verschiedene Ebenen von Musik und Raumklang entdecken, bis hin zu einem vibrierenden Grundrauschen oder -summen wie in dem asiatischen Film »Ploy«. Selbst in einer Interruption – durch das Raumlicht noch herausgestrichen – herrscht keineswegs Ruhe. Damit ist Peter Ablinger, der das Werk für die Reihe als Geschenk mitgebracht hat, eine reizvolle und höchst individuelle Synthese aus Musik und Raumklang gelungen.

17. September 2016, Wolfram Quellmalz

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