Ein Himmel voller Geigen, Violen, Violoncelli…

Portraitkonzert und Konzert in der Kirche Moritzburg

Die erste Woche ist bereits vorüber – Hochzeit beim Moritzburg Festival. Nachdem in den ersten Tagen die Akademisten besonders betrachtet und behört wurden, rücken nun die anderen Gäste in den Fokus. Einzelne Künstler treten in Portraitkonzerten auf, Mitte kommender Woche wird der Residenzkomponist Erkki-Sven Tüür in zwei Gesprächen zu erleben sein (jeweils vor den Abendkonzerten).

Am Sonnabend gehörte das Podium des Vorprogrammes Lawrence Power. Hervorragende Bratschisten gibt es viel weniger als Violinisten – vermutlich, weil die Anziehungskraft der Geige höher ist. Dabei ist die Stimmlage der Viola wunderschön, vor allem, wenn man sie zu spielen weiß und wenn der Komponist diese Qualität einzusetzen wußte. Paul Hindemith tat dies, seine Werke hat Lawrence Power unter anderem eingespielt, Béla Bartók tat es auch. Auf dessen Violakonzert nimmt Esa Pekka Salonen bezug – der übrigens hatte vor genau zehn Jahren eine höchstinteressante Residenz. Wie schön, daß Lawrence Power mit der »Pentatonic Étude für Viola solo« Salonen wieder einmal nach Moritzburg holte. Mit durchdringender Intensität beginnt die Étude, mit geradezu übergroßer Klarheit beschwor Lawrence Power nicht nur Balkanklänge herauf, sondern ließ weitere im Stück enthaltene Rückgriffe aufblitzen – Bach, Mendelssohn. All dies aber nicht als eingebettete Mosaikfragmente, sondern als Reflex unserer (musikalischen) Zeit. Schön, daß dem Werk einmal die Aufmerksamkeit eines Portraits gegönnt war und nicht nur des kleine Plus einer Zugabe.

Doch damit endete das Portrait noch nicht, denn mit dem genialischen Antti Siirala, der sich einfühlsam in seine Partner hineinzuversetzen versteht, präsentierte Lawrence Power noch fünf Stücke aus einer Bearbeitung von Sergej Prokofjews »Romeo und Julia«. Die Klarheit wich nun vibratoreicher Sinnlichkeit, Schwere und Tiefe.

Kurz darauf eröffnete Betřich Smetanas Klaviertrio g-Moll das Abendprogramm mit einem herben Violinklang, der an die eben verklungene große Schwester erinnerte. Smetana hat in dem Trio den Tod seiner Tochter verarbeitet, stimmt jedoch keinen Trauergesang an, sondern läßt das Werk zwischen Seufzern, Erinnerungen und Melancholie wandeln. Antti Siirala, Kai Vogler (Violine) und Narek Hakhnazarayan (Violoncello) gaben sich nicht dem Gefühlsrausch oder dem Schmerzensschrei hin, sondern zeichneten Smetanas Gedanken- und Gefühlsbild mit Feingefühl und Zartheit nach, wußten aber auch expressiv zu klagen.

Mit »Fata Morgana« stand danach das erste Werk Erkki-Sven Tüür während des Festivals auf dem Programm. Tüür, der ebenso abseits der Klassik komponierte und musizierte, verschränkt darin verschiedene Erfahrungen und Welten. Das Werk beginnt mit Klavierakkorden (Mirjana Rajić), zu denen Violine (Paul Huang) und Violoncello (Li-Wie Qin) zunächst nur Intervalle anreißen. Mit Gegensätzlichkeit spielt Tüür während des ganzen Stückes, bezieht daraus in hohem Maße Spannung, etwa in einer leichten (zeitlichen) Phasenverschiebung der Instrumente. Ein Wechsel der Chromatik und des Pulses fügt sich in diesen Spannungsverlauf ein, so daß schon beim erstmaligen Zuhören in Verlauf, Umkehr und Wiederkehr viele Entdeckungen zu machen sind. Entsprechend positiv fiel die Publikumsreaktion aus – Entdeckerfreude gab es offenbar auf beiden Seiten, der der Zuhörer und der der vertieften Spieler.

Zu den Höhepunkten in Moritzburg gehören vielleicht die Quintette und Sextette. Während für kleinere Formationen häufig feste Ensembles bestehen, müssen von fünf Musikern aufwärts meistens Formationen gebildet werden, weshalb man sie im Konzert seltener erlebt. Nicht so in Moritzburg, was gerade von diesem Finden lebt. Und dies wieder einmal in bestechender Qualität! Johannes Brahms hat seinem Streichsextett Opus 36 viele Singstimmen eingepflanzt, oft treten die Violinen, eine Viola und ein Cello gleichzeitig auf, und man fragt sich angesichts solcher Sanglichkeit, an wen (an welche Frau) der Komponist dabei gedacht haben mag. Paul Huang und Benjamin Beilman (Violinen), Lawrence Power und Pauline Sachse (Violen) sowie Li-Wie Qin und Narek Hakhnazarayan (Violoncelli) loteten diese Singstimmen süffig, aber ohne »Übermaß« aus, so daß stets jede der Begleitstimmen zu hören war. Selbst wenn Huang im ersten Satz obertonreich dominierte, fanden die Stimmen beider Violinen und die Viola paßgenau zusammen. Im zweiten Satz (Scherzo) wiederum gab es keine laute Fröhlichkeit, sondern sinnenreichen Spaß, aber eben auch einen ruhigen Erzählerton der Streicher. Trotz allen mitreißenden Temperamentes schäumten die sechs Musiker nicht über, sondern legten filigrane Klangpartikel frei.

14. August 2016, Wolfram Quellmalz

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