Kleine Zeitreisen

Vertiefung der Gefühle beim Moritzburg Festival

Ein wenig schade ist es schon, daß das Moritzburg Festival in diesem Jahr erstmals auf die Residenz eines Komponisten verzichtet. Damit wurden aber zwei Vorabende der zweiten Woche frei, an denen sonst die Komponistengespräche stattfanden – eine Gelegenheit, Neues auszuprobieren und den Kreis der Moritzburger Spielorte zu erweitern.

Und die liegen manchmal gar nicht fern, sondern direkt vor der »Nase« des Schlosses: das Käthe-Kollwitz-Haus, der letzte Wohnort der Graphikerin, Malerin und Bildhauerin, ist seit 1995 Museum. Der kleine Saal war am frühen Dienstagabend dichtbesetzt, als Christine Hoppe (Staatsschauspiel Dresden) aus Briefen und Tagebüchern las. Vor allem Robert und Clara Schumann kamen zu Wort, aber auch die Geschwister Mendelssohn (die einen ironisch-witzigen Felix offenbarten) und Johannes Brahms. Immer wieder im Mittelpunkt: Clara Schumann. »Clara spielt himmlisch« schwärmte der junge Robert, während der alte Johannes Brahms den innigen Wunsch äußerte, sich von seiner Freundin noch verabschieden zu können. Esther Hoppe (Mozarteum Salzburg) spielte zwischen den Texten die Partita Nr. 2 von Johann Sebastian Bach. Die Violinistin wird auch in den kommenden Tagen noch in Moritzburg zu erleben sein.

So konnte man, passend eingestimmt, bei frühabendlicher Sonne ins Schloß hinüber, um noch einmal zwei der eben gelesenen Protagonisten zu hören: Mit Felix Mendelssohns Opus 1 kam das Klavierquartett des 13jährigen Komponisten zur Aufführung, der sich bereits tiefsinnig und experimentierfreudig zeigte. Dunkel beginnt sein Werk, dem die vier Musiker federnde Eleganz verliehen. Es ist wohl trotzdem nicht die erste Komponiererfahrung, zu versiert ist Mendelssohn bereits, gibt allen vier Instrumenten eine eigene Stimme und weiß die Schönheit der Viola (Sindy Mohamed) hervorzulocken. Neben Alexander Sitkovetsky (zweite Violine) waren drei Moritzburger Neulinge dabei: auch Maciej Kułakowski (Violoncello) ist erstmals hier, ebenso wie Tiffany Poons. Die Pianistin kam bis gestern bereits auf sechs Einsätze und bewies ein verblüffendes Einfühlungsvermögen in Werke und immer neue Ensemblezusammensetzungen.

Virtuosität allein genügt zur Schau, zur Musik braucht es mehr. Das zeigte nach dem Klavierquartett von Felix das Streichquartett der Schwester Fanny Hensel. Auch sie läßt die Streicher (Nathan Meltzer und Mira Wang, Violinen, Ulrich Eichenauer, Viola und Hayoung Choi, Violoncello) zunächst tief singen, bevor das Allegretto typisch Mendelssohn’sche Beschwingtheit aufkommen läßt. Die Romanze wiederum gemahnte in ihrem Sinnen auch an ein Adagio, bevor das Schlußallegro dem Werk erneut Leben einhauchte. Mit der ersten Violine voran überschreitet die Komponistin die Grenze zum Konzertanten, doch das Quartett bezog seine Kraft aus der innig verbundenen Energie aller Spieler.

Antonín Dvořáks Klaviertrio f-Moll Opus 65 erweiterte den Kreis zum Abschluß. Mit Boris Giltburg (Klavier), Kevin Zhu (Violine) und Jan Vogler (Violoncello) saßen sich noch einmal Stipendiat, mehrmaliger Gast und musizierender Veranstalter gegenüber. Und wieder ging es aus dem Dunkel ans Licht. Trotz Krise und Konflikt wußte Dvořák seinem Werk eine Aufbruchstimmung und tänzerische Überlegenheit mitzugeben.  Dramaturgisch ausgefeilt präsentierten die drei das Poco adagio mit Momenten großer Ruhe und Entspannung, bevor sie im Finale Herz bewiesen und mit mancher Klangüberraschung (einer wie ein Holzbläser klingenden Violine) aufwarteten.

14. August 2019, Wolfram Quellmalz

Am Wochenende geht das Moritzburg Festival bereits zu Ende. Doch mit den »Meisterkonzerten« auf Schloß Albrechtsberg beginnt bald die Saison zwischen den Festivals

weiter Informationen: http://www.moritzburgfestival.de

Ausstellungen und Veranstaltungen im Käthe-Kollwitz-Haus: http://www.kollwitzhaus.de

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