Treffen der Traditionen

Kreuzchor empfing Phoenix Boys Choir in der Kreuzkirche

Kurz vor Beginn der Gastspielreise nach Asien empfingen der Kreuzchor und der Kreuzkantor Roderich Kreile am Sonnabend den Phoenix Boys Choir mit seinem Leiter Georg Stangelberger an seiner Heimstätte. Hier trafen Welten, Traditionen zusammen, die Gemeinsamkeiten wie Gegensätze offenbarten: der eine Chor besteht seit über 800 Jahren, der andere keine 80, und nach der Herkunft könnte man annehmen, daß Klang und Repertoire des einen »traditionell europäisch« und des anderen »modern amerikanisch« seien. Bei näherer Betrachtung ergeben sich aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten.

So orientiert sich der Phoenix Boys Choir nicht am Tag seiner Gründung, sondern an der Tradition der Knabenchöre. Sein Leiter – mittlerweile im 20. Dienstjahr – war zuvor bei den Wiener Sängerknaben. Und so wie der Kreuzchor als Botschafter für seine Musik und für Dresden in der ganzen Welt gastiert, repräsentiert der Phoenix Boys Choir seinen Gesang, sein Land und seine Stadt auch in London, Wien, Rom oder Köln.

Was man nach der Lektüre des Programmheftes vermuten konnte, bestätigte sich im Konzert: Denn anders als andere (amerikanische) Gastchöre, die regelmäßig im Sommer in Dresden zu hören sind, war das Programm des Phoenix Boys Choir weniger »bunt«, enthielt viel traditionell europäische Literatur, nicht zuletzt deutsche. Gerade hier, bei Felix Mendelssohns »Denn er hat seinen Engeln befohlen« und »Hebe deine Augen auf«, verblüfften die Gäste nicht zuletzt mit einer glasklaren Verständlichkeit. Auch die Stimmung wußten sie berührend zu gestalten, wie in Anton Bruckners »Christus factus est« oder Mozarts »Ave verum corpus«. Unterstützt wurden die Sänger von Pianistin Xuelai Wu, welche manche der Werke (Mendelssohn, Gabriel Faurés »Cantique de Jean Racine«) begleitete. Als Abträglich mußte man dennoch den Applaus nach jedem (!) Lied hinnehmen, was Georg Stangelberger mit seinen Verbeugungsanweisungen leider unterstütze, statt es abzuwenden.

Daß es im spezifischen Segment der Knabenchöre solche Individualität gibt, die sich im Klang spüren läßt, kann nur erfreuen. Natürlich hat der Kreuzchor – beinahe doppelt so groß wie die knapp 60 Sänger des Boys Choir – eine andere Prägung – wie schön! Nachdem die Gäste den hier bekannten Werken zwei Spirituals hinzugefügt hatten, schöpfte der Kreuzchor aus dem eigenen Repertoire und wechselte dabei mit Arvo Pärts Motette »Which was the son of«, der Vertonung eines Lukas-Textes, in den Sprachraum des Gastes. Besonders schön für die Kreuzchor-Gemeinde war, daß so viele Werke früherer Kreuzkantoren (Christian Theodor Weinlig Laudate dominum, Theodor Christlieb Reinhold »Ich habe einen guten Kampf gekämpft«, Gustav Adolf Merkel »Barmherzig und gnädig ist der Herr«) sowie das fast noch zeitgenössische Pater Noster (1951) von Max Baumann zum Programm gehörten. Mancher wünschte sich mehr solcher Bestandteile in den normalen Vespern.

Für Anton Bruckners Locus iste (Stangelberger) und dem vielleicht wichtigsten Dresdner Komponisten, Heinrich Schütz (»Verleih uns Frieden gnädiglich« / Roderich Kreile), fanden beide Chöre schließlich noch zu einem bemerkenswert stimmig gefügten Gesamtensemble.

Der amtierende Kreuzkantor wandte sich danach noch kurz an das Publikum, vor allem dessen Gäste aus Amerika, und erklärte auf sehr zugewandte Weise, daß an dieser Stelle (Schuljahresende) jene Sänger, die den Kreuzchor verlassen (müssen – während beim Boys Choir auch ein paar der Lehrer mitsangen), eine zehnjährige Lebensphase mit Franz Schuberts »Heilig, heilig« aus der Deutschen Messe abschließen.

23. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

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