Cantiones Profanes?

Singakademie in der Lukaskirche

»Profan« ist nicht immer profan. Ursprünglich meint es weltliche, außerhalb des Geistlichen liegende Dinge. Die »Cantiones Profanes«, die Ekkehard Klemm am Sonntagabend aufs Programm gesetzt hatte, waren keines »gewöhnlich«.

Ludwig van Beethoven hatte für »Meeresstille und glückliche Fahrt« zwei Gedichte Johann Wolfgang von Goethes vertont. Doch so beschaulich, wie der Titel vermuten lassen könnte, sind sie keineswegs, beginnen vielmehr mit der Bedrohung, die einer Flaute erwächst. Erst ein aufkommender Wind – sonst eher der ungemütliche Gesell, der zum Schiffbruch beiträgt – rettet die Situation. Beethoven hat in seinem Werk die (unheilvolle) Stille eingefroren, einen Ton sublimiert, der die Stille zunächst wahrt. Die Singakademie Dresden und die Elblandphilharmonie schienen für Momente zu verharren, »kei-ne Luft« ließ die Silben in Wort und mit gezupften Streichern praktisch in der Luft stehen, schon verhießen die Hörner Bedrohliches. Mit dem aufkommenden Wind ließ Dirigent Jan Arvid Prée Chor und Orchester gehörig aufflammen, suchte nach einer großen Steigerung und ließ die Brise reich bejubeln – Rettung in Sicht!

Eine solche gibt es für die sieben Hirsche in Béla Bartóks »Cantata profana« wohl nicht. Der Komponist hat die Erzählung um den Vater, dessen Söhne sich auf der Jagd verirren und in Hirsche verwandelt werden, selbst ins Ungarische Übersetzt und mit einer betörenden Farbigkeit ausgestattet. Als zentrales Werk war es – wie so oft bei der Singakademie – eine Entdeckung, die Staunen machte. Ekkehard Klemm hatte nun die Leitung übernommen und ließ die Elblandphilharmonie die märchenhafte Handlung musikalisch reich bebildern (vor allem Bläser und Harfen umhauchten die Erzählung mit Jagdmotiven oder dem flinken Sprung der Hirsche), während der Chor tragende Rollen übernahm, mehr und mehr zum Erzähler wurde. Timothy Oliver (Tenor) verlieh dem ältesten der Söhne plastisch und ausdrucksstark die Kraft eines Hirsches, doch haftete dieser Kraft eine Ausweglosigkeit an. Dem »alten Väterchen« verlieh Sinhu Kim seinen ungemein warmen Bariton. Immer wieder ergaben sich Momente voller Nachhall, im Wechsel der Solisten mit dem Chor oder wenn Fagott und Violoncelli den Hirschen ein Echo gaben.

Noch einmal gab es einen Dirigentenwechsel, Robert Schad stand für das letzte Werk des Abends, Felix Mendelssohns »Die erste Walpurgisnacht«, am Pult. Noch einmal also Goethe, doch inhaltlich und musikalisch ganz unterschiedlich. Es wurde auch noch einmal märchenhaft und gespenstisch, doch wiederum anders als bei Bartók ist der Spuk bei Goethe und Mendelssohn auch ein fröhlicher Tumult, der manches Mal an den »Sommernachtstraum« erinnerte.

So erhob sich dieses Werk auch nicht aus dunkler Tiefe, sondern war von Beginn aufstrebend, frisch, lebhaft. Mit Pauline Weiches mahnendem Alt und dem ungeheuer strahlkräftigen Baß Peter Fabigs als weiteren Solisten waren einzelne Rollen (Solisten) und viele Druiden oder Wächter (Chor) emotional ausgestattet, was das Orchester reich (und mit strahlenden Blechbläsern am Ende) umrahmte.

24. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

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