»Finale« Sanderling?

Michael Sanderling beschließt mit der Spiel- seine Amtszeit bei der Dresdner Philharmonie

»Finale Sanderling« war, um das gleich zu sagen, der Titel des letzten Konzertes in dieser Saison. »Schluß« bedeutet das jedoch keineswegs, denn – soviel verriet der Dirigent während seiner Verabschiedung: es wird ein Wiederhören geben. Zwar nicht in der kommenden Spielzeit, jedoch in der (wie man hören konnte) übernächsten.

Die Verabschiedung war eine herzliche, freundliche, von allen Seiten. Intendantin Frauke Roth dankte für die »Ära Sanderling«, welche von mehr als dem (ge)wichtigen Beethoven- und Schostakowitsch-Projekt gekennzeichnet und übrigens noch gar nicht beendet sei – immerhin steht in den nächsten Tagen eine Gastspielreise nach Japan und Korea bevor, eine der wichtigsten der letzten Jahre vielleicht. Und auch das Publikum, das schon vor Konzertbeginn stehend applaudierte, dankte herzlichst für die vergangenen acht Jahre. Michael Sanderling ist, besonders mit Schostakowitsch und weit darüber hinaus, in Dresden gut angekommen. Neben seinen verständigen Werkauffassungen bleibt dem Rezensenten so seine Fähigkeit im Gedächtnis, das Orchester ganz besonders auf Solisten einzustellen. Werke, die über die Jahre mit unterschiedlichen Partnern erklangen, zeugten jeweils von deren individueller Auffassung.

Partnerin und Solistin im letzten Konzert war Julia Fischer, seit vielen Jahren und schon der gemeinsamen Kammermusikzeit eng mit Michael Sanderling verbunden. Nun holten beide jenen Johannes Brahms nach, der zur Eröffnung des neuen Konzertsaales vor zwei Jahren noch Mendelssohn hatte weichen müssen.

Wie schön, wenn beide – Solistin und Dirigent – einmal los- oder lockerlassen können! Brahms‘ Violinkonzert schloß in seine geschmeidige Eleganz ein Sonnenglimmen ein, umfaßte sinfonisch die Solisten, band gleich im ersten Satz vor allem Holzbläser in den Soloreigen ein – nicht nur der Oboe hatte der Komponist feine Kantilenen in die Partitur geschrieben. Julia Fischers Violine klang stets fein artikuliert – eine Freude, ihrer Kadenz zu folgen, die sodann wieder mit offenen Armen vom Orchester aufgefangen wurde! Im kammermusikalischen zweiten Satz wandte sie sich nicht nur in der Geste der »vorsingenden« Oboe zu.

Bei Julia Fischer darf man oft eine besondere Zugabe erwarten, auch wenn Bach meist (eigentlich immer) »paßt«. Dieses Mal entschied sie sich risikofreudig für die zweite Caprice (h-Moll) von Niccolò Paganini.

Nach dem Brahms- folgte ein Strauss-Gipfel, die »Alpensinfonie«, also eines jener Werke, die oft genannt wurden als Grund oder Referenz für den neuen Konzertsaal. Somit waren beinahe alle Philharmoniker anwesend, denn Richard Strauss braucht von allem und jedem das Meiste, vom riesigen Streicherapparat bis zu zwei (!) Windmaschinen.

Michael Sanderling ließ zunächst den Tag, die Dämmerung heraufbrechen – noch einmal ein Glimmen, nun aber ganz anders als bei Brahms. Wie erfreulich ist es doch, so eine Orgel zu haben, die den ganzen Raum, den Hintergrund, zu füllen vermag, die spürbar wird, die man mehr als nur hört!

Dunkelheit und Licht, Aufstieg und Glücksgefühl, drohendes Unheil und glückliche Heimkehr – dem Attribut des romantischen Tongemäldes mochte man sich kaum entziehen. Gewaltig war diese Alpenbesteigung, strahlend und dicht, rückte aber im Crescendo und im Gewitter an die akustische Grenze des Raumes. Ein wenig weniger hätte vielleicht schon genügt?

Nun darf man gespannt sein, was folgen wird. Auf Sanderling folgt Janowski, klar, aber das vortreffliche Projekt der Sinfonieaufnahmen von Beethoven und Schostakowitsch hatte Michael Sanderling manchmal auch den Freiraum für anderes genommen. Wäre doch schön, wenn er das künftig als Gast nachholt, oder?

24. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

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