Frage und Antwort

Pianist Andrea Lucchesini verband drei Epochen

Die Idee, Werke des Bach-Zeitgenossen Domenico Scarlatti mit jenen eines Zeitgenossen von heute, Luciano Berio, zu kombinieren, ist nicht aus der Luft gegriffen. Es war sogar Luciano Berio selbst, der Andrea Lucchesini dazu angeregt hatte. Den Komponisten und den Pianisten verband eine lange Freundschaft, weshalb Andrea Lucchesini auch heute noch, lange nach dem Tod Luciano Berios, die gemeinsamen Projekte fortführt. Im vergangenen Jahr wurde eines davon Teil einer CD-Einspielung, am Pfingstsonntag stellte der Pianist dem Publikum auf Schloß Albrechtsberg die Sonaten Domenico Scarlattis und die Encores von Luciano Berio vor.

Zum Clou des von Berio und Lucchesini neu konzipierten Zyklus‘ gehört, daß die Stücke direkt, also ohne Pause, aufeinanderfolgen. Manchmal entstehen so kleine Gegensätze, immer wieder jedoch scheinen ein Ton oder der Impetus des zuvor gespielten Werkes im neuen fortzuklingen, so daß die Vergangenheit in der Jetztzeit ebenso ein Echo verursacht wie umgekehrt. Dabei wirkten zunächst starke Kontraste, weil zum Beispiel der Barockmeister Scarlatti mit seinen lebensvollen Motiven in den ersten Sonaten (D-Dur / K 491, G-Dur / K 454 und f-Moll / K 239) »So ist das!« zu antworten scheint, während in Luciano Berios Encores »Brin« und »Leaf« eher Fragen schimmern. Andrea Lucchesini überraschte dabei mit teilweise sehr harten Anschlägen (vor allem in höheren Lagen), dann wiederum rundete er Bässe oder Wiederholungen ab, was sich schließlich aber als sehr stimmig ergab. Immer wieder gelangen ihm Imitationen eines Cembaloklanges auf dem Yamaha-Flügel, andererseits ist es ja auch vollkommen legitim, auf solch modernem Instrument andere Wege zu suchen.

Dieses Ausloten des Ausdrucks und des Klanges lohnte. Andrea Lucchesini erwies sich als Grenzgänger, der (bis hin zu den Zugaben) mit vollem Risiko spielt. Scarlattis Sonate f-Moll (K 466), die schon in die Romantik zu reichen schien, so kantabel geriet das Werk unter Lucchesini Händen, markierte zunächst eine Wende. Gemeinsam mit Berios zuvor erklungenem »Wasserklavier«, das einen fast impressionistischen Eindruck erweckte, war damit ein harmonischer Höhepunkt erreicht. Von hier ging es, irisierend und flimmernd (Berio »Luftklavier«) und von elementarer Energie getrieben bis zur Sonate G-Dur (K 146).

Der zweite Teil des Abends gehörte Franz Schuberts vorletzter Klaviersonate (A-Dur, D 959). Es ist ein komplexes Werk, das kraftvolle und kontrapunktische Elemente ebenso enthält wie Momente von schlichter Innigkeit. Auch hier fand der Pianist weit mehr als nur Kontraste oder Gegensätze, obwohl schon diese nicht nur geschmackvoll herausgearbeitet, sondern ebenso dramaturgisch klug gesetzt waren (etwa die Stufung von Wiederholungen oder Verarbeitungen des Themas). Andrea Lucchesini wußte die dynamische Weite zu nutzen – für eine wirklich große Sonate. Bei aller komplexen Schwere und manchen dem Werk innewohnenden Schatten wahrte zum Beispiel das Scherzo seine verspielte Leichtigkeit.

Mit Gediegenheit und Risiko (also voller Hingabe) ging es schließlich noch in zwei Zugaben: die Impromptus As-Dur und B-Dur (D 935) von Franz Schubert.

11. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

 

CD-Tips: Andrea Lucchesini »Dialogues«, Werke von Domenico Scarlatti und Luciano Berio sowie Franz Schubert und Jörg Widmann, soeben erschienen: Franz Schubert, Späte Klavierwerke Vol.1 mit den Klaviersonaten A-Dur (D 959) und a-Moll (D 537) sowie dem Allegretto c-Moll (D 915), alle Aufnahmen von Audite

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