Gut – besser – Bartók

Eine Uraufführung, Christian Mačelaru und Béla Bartók prägen Konzert der Dresdner Philharmonie

Auf Flöte und Harfe kam es immer an, in jedem der drei Stücke, die am Wochenende bei der Philharmonie auf dem Programm standen. Dafür war Christian Mačelaru kurz nach seinem Gastauftritt bei den Dresdner Musikfestspielen noch einmal in den Kulturpalast gekommen. Außerdem waren zwei Solisten der Berliner Philharmoniker angereist: Marie-Pierre Langlamet (Harfe) und Emmanuel Pahud (Flöte), der am Vortag noch beim Konzert des Kollegen Stéphane Réty an der Musikhochschule vorbeigeschaut hatte. Bei solcher Konstellation war leicht zu erraten, was auf dem Programm stehen sollte: Mozarts Konzert KV 299. Doch schließlich gab es viel mehr – aber der Reihe nach.

Mozart hat ein Konzert in vergnüglichem, musikalischen Rokoko geschrieben, wobei sich die Flöte wegen ihres größeren Durchdringungsvermögens etwas in den Vordergrund »spielt«. Doch werden beide Solisten letztlich »gerecht« behandelt. Gerade in den kammermusikalischen Passagen und gemeinsamen Kadenzen zeigte sich Mozarts verfeinerter Stil ebenso wie die Übereinstimmung der Solisten. Daß die Philharmonie dabei auch sanft zu tupfen vermochte, war höchst angenehm.

Laurent Petitgirards Konzert »Dileme« für genau diese beiden Solisten (Pahud und Langlamet) wurde am Sonnabend uraufgeführt. Anders als der zuvor erklungene Mozart, der noch zwei Hörner und zwei Flöten im Orchester belassen hatte, stellt Petitgirard ein Orchester ohne Bläser auf. In seinem einsätzigen Werk, das aber in mehrere Episoden geteilt ist, bezieht er immer wieder Gegenüber ein: Flöte und Harfe spielen gemeinsam oder mit umgekehrtem Stimmverlauf, das Orchester ist oft als Erwiderung der Solisten einbezogen. Der melodiöse Gehalt überwiegt dabei, liedhafte Sequenzen, die aber vor allem in der Werkmitte rhythmisch aufgefrischt werden. Obwohl (oder gerade weil) die Streicher oft die Harfe unterstützen, ihre Akkorde aufgreifen, scheint die Flöte auch hier leicht dominant, jedoch nur aufgrund der Durchdringung. Insgesamt war die Ausgewogenheit groß, die Schönheit mitunter verblüffend, vielleicht hätte es mehr »Reibung« geben können. Vom Publikum wurde das Werk in jedem Fall herzlich aufgenommen.

Und dann kam Bartók. Während Christian Mačelaru bis hierher für Ausgewogenheit und Wohlgefälligkeit gesorgt hatte, entfachte er nun ein funkelndes Feuerwerk, wie man es kaum einmal hört. Béla Bartók hat sein Konzert für Orchester (Sz 116) im Exil (Amerika) und unter existentiell schwierigen Bedingungen geschrieben. Doch ob Geldnot oder Krankheit – das Werk sprüht vor Vitalität, Geist und Frische. Düsternis, Schwere (dunkle Streicher) und größte Lebendigkeit (Violinen und Flöten) folgen direkt aufeinander, und schon hier gelang es Christian Mačelaru, nicht nur Kontraste zu betonen, sondern Übergänge zu schaffen. Überhaupt nutzte er klug die dynamische Bandbreite, ließ es auch im Forte nicht »knallen«, sondern entlockte dem vielstimmigen Solistenchor eine phänomenale Pracht. Dies gilt im einzelnen ebenso wie für herausgehobene Instrumentengruppen, etwa den Blechbläserchor mit Trommel. Allein der zweite Satz: ein Totenmarsch, der sich zum Scherzo wandelt – die Feinheiten angesichts der entfesselten orchestralen Gewalt waren unglaublich! Ob sich der Komponist der Werke seiner Jugendzeit erinnerte oder volkstümliche Zitate einflocht – alles blieb organisch, klang kein bißchen nach Parodie. Wer hat da noch Angst vor Bartók?

2. Juni 2019, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde vom Deutschlandfunk aufgezeichnet und wird zu einem späteren Zeitpunkt gesendet.

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