Licht, Energie – Freude

Dresdner Kammerchor in der Annenkirche

Den Himmel als Sehnsuchtsort bzw. »Himmelswelten« durchforschte der Dresdner Kammerchor am Sonntag unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann in der Annenkirche. Ausgewählt waren dafür fünf Werke der Romantik und des 20. Jahrhunderts, deren Betonung (mit Ausnahme einer Messe von Frank Martin) nicht in religiöser Deutung oder konfessioneller Zuordnung lag.

Im Gegenteil waren zunächst individuelle Bezogenheit und eine romantische Ausleuchtung wichtig, denn bei Gustav Mahler, Johannes Brahms und Max Reger lassen sich in den sehr prägenden Werken auch persönliche Lebenssituationen wiederfinden. So bei Mahler in der Abkehr von der Welt (bzw. im Bewußtsein dessen), was ihm scheinbar Frieden beschert. Die Distance enthebt ihn nicht nur des »Weltgetümmels«, Mahler kehrt die Perspektive um auf sein Abhandenkommen von der Welt. Diese Abseitigkeit, Abgewandtheit ist in der Bearbeitung der Lieder für Chor von Clytus Gottwald erhalten geblieben, die mit den Gegensätzen von umschließenden Männerstimmen (zunächst Bässe) und den Text tragenden Frauenstimmen für Schwebung sorgt. Dem Dresdner Kammerchor gelangen schon hier berührende, sinnliche Momente, die nüchterne Feststellung erfuhr durch die besondere vokale Färbung eine fühlbare Dimension.

Ganz dem Lebensgetümmel zugewandt schien danach Johannes Brahms‘ Motette »Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?«, denn schon das einleitende und wiederkehrende »Warum?« hatte eine expressive Kraft, war nicht nur Frage, sondern Forderung (nach Antwort). Hans-Christoph Rademann reizte den Spielraum der Expressivität für die emotionale Ausdeutung und Schärfung und rückte den Vers »Lasset uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel« (Hinwendung) als zentrale Botschaft, also Antwort, in den Mittelpunkt. Der beschließenden Choral hätte jedoch durch einen Moment des Abwartens eine stärkere Betonung (als Schlußwort) erfahren können.

Auch bei Max Reger und den großen Gegensätzen der »Acht geistlichen Lieder« Opus 138 fiel die stark konturierte Überzeichnung auf, sowohl zwischen den Stücken wie innerhalb der Lieder, was in seiner Eindrucksvielfalt sehr fordernd war, Momente der Kontemplation jedoch reduzierte. Hervorragend war – wie gewohnt – die Artikulation des Chores, der ganz unabhängig von der Zahl der Stimmen verständlich bleibt, Gefühle vermitteln und große Gegensätze ohne Verluste darstellen kann – Ratio und Emotion blieben so stets eng verflochten.

Für einen besonderen Lichtmoment sorgte nach der Pause John Cages »Four2«, allein von Vokalen getragen und mit individuellem Spielraum für die Sänger ausgestattet – hier wurde der Dirigent zum Zuhörer, denn mehr als ein »Startzeichen« blieb ihm nicht zu geben. Vom Außenrand der Emporen gesungen, entfaltete sich das Werk, das nach und nach den Raum zu ergreifen schien, ein die Luft füllender Klang wurde und eine Erhebung, Er begann in einem warmen Bassgrund und führte bis in die glockenhelle Sopranregion – wer hob da nicht unwillkürlich den Kopf zu den Engeln im Raum?

Diesen Eindruck konnte Frank Martins »Messe pour double Chœr a capella« nicht übertreffen, gleichwohl stellte der Chor noch einmal seine Fähigkeit heraus, auch im Latein größte Verständlichkeit zu erreichen und Spiritualität ergreifend zu transportieren.

27. Mai 2019, Wolfram Quellmalz

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