Von der Elbe an die Donau

Franziska Leuschner (c) Martin Riccabona.JPGDie Linzer Kirchenmusikerin und Diözesankantorin Franziska Leuschner, Photo © Martin Riccabona

Franziska Leuschner ist in Dresden geboren und hat an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden sowie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg »Kirchenmusik A« studiert. Ihr ausgezeichnetes Orgelspiel brachte ihr damals schon Preise wie bei den » Organisten des neuen Europas« ein (2009). Seit 2014 ist sie Kirchenmusikerin an der Martin-Luther-Kirche in Linz und Diözesankantorin der evangelischen Diözese Oberösterreich. Ihr Aufgabengebiet umfaßt die Begleitung von Gottesdiensten, die Leitung der Evangelischen Kantorei Linz sowie eines Kinder- und Jugendchores, die Begleitung und Ausbildung nebenamtlicher Kirchenmusiker sowie die Planung und Durchführung von Konzerten und der wöchentlichen Orgelvesperreihe. Darüber hinaus unterstützt sie die Gemeinden bei orgelbaulichen Fragen. Außerdem ist Franziska Leuschner in zahlreichen Orgelkonzerten im In- und Ausland zu erleben. Am Sonntag kehrt sie für ein Orgelkonzert in der Alten Kirche Klotzsche wieder einmal nach Dresden zurück.

Wolfram Quellmalz / NMB:

Sie haben nach dem Besuch des Heinrich-Schütz-Konservatoriums eine Ausbildung als Kirchenmusikerin begonnen und diese später in Hamburg fortgesetzt. Zu Ihren Lehrern gehörte im Fach Orgel kein geringerer als Wolfgang Zerer. Haben Sie einmal an eine Ausbildung als Konzertorganistin gedacht?

Franziska Leuschner:

Nicht wirklich. Trotz aller Liebe zum Orgelspielen war mir doch eine Fortsetzung meiner Ausbildung mit der ganzen Bandbreite der Kirchenmusik sehr wichtig.

WQ:

Ihr Aufgabengebiet ist äußerst vielfältig. Da ist ein gesunder Pragmatismus für Kirchenmusiker notwendig, oder? Wolfgang Zerer vermittelte dies auf jeden Fall anläßlich eines Meisterkurses hier in Dresden. Also steht musikalisches Verständnis auch im Konzert über einem artifiziellen Spiel?

FL:

Ja, das Verständnis für die Musik und für den in der Kirchenmusik ja häufig wichtigen Bezug zwischen Text und Musik – auch bei choralgebundenen Orgelwerken – ist mir immer wichtiger als reine Virtuosität.

WQ:

Welche Lehrer oder welche Vorbilder haben Sie am stärksten geprägt, an wem orientieren Sie sich, wenn es um neue Aufgaben geht, sei es in musikalischer Hinsicht oder in bezug auf »das Leben«?

FL:

Ich bin sowohl meiner Familie als auch vielen Lehrern sehr dankbar: Angefangen von meinen ersten Lehrern Reiner Krauthöfer und Anne-Oda Würzebesser-Goede, über prägenden Unterricht an der Hochschule für Kirchenmusik Dresden bei Christfried Brödel, Martin Strohhäcker und Holger Gehring bis hin zu Wolfgang Zerer und Hannelotte Pardall in Hamburg und weiteren sehr guten Lehrerinnen und Lehrern.

WQ:

Von Dresden nach Linz ins Österreich – das scheint ein großer Sprung zu sein. Wie kam es dazu?

FL:

Zum einen wollte ich gern in die Nähe meines Partners Martin Riccabona, der damals noch in Linz Orgel und Cembalo studiert hat und zum anderen hat mich die Stellenausschreibung mit der festen Anbindung an eine kirchenmusikalisch sehr aktive Kirchgemeinde und die sehr breitgefächerte Arbeit in der Diözese gereizt.

WQ:

Es gibt kein Instrument, das so individuell ist wie eine Orgel. Dazu kommt der ebenfalls individuelle Raum. Wie nähern Sie sich diesen Individuen, wie entscheiden Sie, was sie auf einer Orgel spielen (können) und was nicht?

FL:

Wichtig für die richtige Stückauswahl ist, aus welcher Zeit die Orgel stammt, welchen Tonumfang sie hat, welche Trakturart – mechanisch, pneumatisch oder elektrisch –, welche Stimmung und welche Klangfarben. Manchmal kennt man auch ähnliche Orgeln vom selben Orgelbauer und weiß darum, welche Musik darauf besonders gut klingt. Am Schönsten ist natürlich, wenn man die Orgel bereits kennt und dann erst entscheidet, was man darauf spielt.

WQ:

Gibt es also Stücke, die auf bestimmte Instrumente passen und auf andere nicht, unterscheiden Sie also zum Beispiel »große« und »kleine« Orgeln?

FL:

Ja, der Unterschied zwischen einer »kleinen« und einer »großen« Orgel mit zahlreichen verschiedenen Klangmöglichkeiten spielt natürlich schon eine Rolle. Außerdem gibt es zahlreiche erhaltene historische Orgeln, wo man die Stücke, die man spielen möchte, sehr bewußt auswählen muß. Die Musikgeschichte und die Orgelbaugeschichte hängen eng zusammen, da sich die Komponisten beim Schreiben ihrer Werke an den ihnen bekannten Orgeln orientiert haben. Im Idealfall haben sich das Orgelspiel und der Orgelbau gegenseitig befruchtet und neue Entwicklungen hervorgebracht. Es gibt spezielle »Orgellandschaften«, wo völlig verschiedene Typen Orgeln vorherrschend sind. Eine norddeutsche Barockorgel hat beispielsweise zumeist einen großen Tonumfang im Pedal (den Tasten für die Füße). Werke von Bruhns, Buxtehude oder anderen norddeutschen Barockkomponisten verlangen nach diesem gut ausgebauten Pedal. Auf einer süddeutschen Barockorgel fehlen für diese Stücke schlichtweg die nötigen Tasten. Eine romantische Orgel unterscheidet sich prinzipiell stark von einer barocken Orgel und wiederum klingen eine französisch-romantische und eine deutsch-romantische Orgel sehr verschieden. Man kann viele Werke auch auf anderen als den primär vorgesehenen Instrumenten spielen, aber die Vorstellung des Originalklangs hilft bei einer überzeugenden musikalischen Spielweise. Das gilt auch für das Spiel auf modernen Universalorgeln, die versuchen, die Wiedergabe von unterschiedlichster Orgelliteratur zu ermöglichen.

WQ:

Während des Studiums mußten Sie natürlich die gängige (oder erweiterte) Orgelliteratur beherrschen. In Klotzsche haben Sie 2014 Johann Sebastian Bach und Girolamo Frescobaldi gespielt. Weil diese dort gut »passen«?

FL:

Die Orgel in der Alten Kirche in Dresden-Klotzsche ist ein sehr spezielles Instrument. Ursprünglich wurde sie von der Orgelbaufirma Jehmlich 1913 erbaut, 1988 / 1989 aber von Johannes Schubert umgestaltet. Die Klangfarben und die Stimmung entsprechen neobarocken Vorstellungen, die pneumatische Traktur wurde aber beibehalten. Dieser Widerspruch zwischen Anschlagsart und Klanglichkeit macht die Auswahl von Werken etwas schwieriger. Natürlich muß man sich auch durch die geringe Anzahl der Register etwas beschränken in der Auswahl der Stücke; große romantische oder moderne Werke lassen sich nicht auf dieser Orgel spielen.

WQ:

Und Lieblingsstücke? Gibt es Komponisten, Werke oder »Entdeckungen«, die Sie immer gerne in Konzerte mitbringen und Ihrem Publikum vorstellen?

FL:

Besonders liebe ich die Werke Johann Sebastian Bachs. Eine kleine Neuentdeckung für mich waren zwei Choralvorspiele von Krebs und Homilius, die ich in das Konzertprogramm für Klotzsche aufgenommen habe.

WQ:

Dann verraten Sie uns doch zum Schluß noch, was wir am Sonntag alles erwarten können und vor allem, warum Sie das Programm so zusammengestellt haben.

FL:

Ich habe mich diesmal für ein Programm von Bach, Böhm und Buxtehude über Homilius und Krebs bis hin zu Schumann und Mendelssohn entschieden. Die Programmreihenfolge ist aber nicht chronologisch, sondern symmetrisch, Bach steht am Anfang, in der Mitte und am Ende. Außerdem enthält mein Konzert freie und choralgebundene Werke; es gibt besinnliche und fröhliche Stücke – eine hoffentlich abwechslungsreiche Zusammenstellung. Ich freue mich darauf, die Orgel in der Alten Kirche Dresden-Klotzsche nach den größeren Reparaturmaßnahmen nun auch konzertant wieder zum Erklingen zu bringen.

NACH DEM KONZERT

Franziska Leuschners Konzert bot nicht nur die versprochene und erhoffte Abwechslung, es sorgte auch für jenen Zauber, den so nur die Orgel in ihrem jeweiligen Raum auslösen kann. Neben dem immer wieder brillanten Bach, der natürlich im Zentrum stand, waren gerade die direkten Gegenüberstellungen von Choralvorspielen wie »Vater unser im Himmelreich« durch Kompositionen von Dieterich Buxtehude (BuxWV 219) und Georg Böhm nicht nur reizvoll, sondern entdeckenswert. Gleiches galt für die später folgende Paarung zu »Herzlich lieb hab ich dich, o Herr« nach Gottfried August Homilius (HoWV VIII. 12) und Johann Ludwig Krebs. Die Lebensdaten beider Komponisten liegen nah beieinander, doch ihr »Personalstil« war höchst unterschiedlich.

Für zauberischen Ausklang der Orgelstunde sorgte schließlich – ein »Mitbringsel« aus Österreich ein Stück für die Flötenuhr von Joseph Haydn.

29. April 2019, Wolfram Quellmalz

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