Marc Minkowski ba-rockt die Semperoper

Les Musiciens du Louvre zu Gast in Dresden

Zum Ostermontag kredenzte die Sächsische Staatsoper ihren Besuchern einen ganz besonderen Schatz: einen Tag vor einer weiteren Aufführung von Jean-Philippe Rameaus »Platée« musizierten hier Les Musiciens du Louvre unter ihrem Leiter Marc Minkowski. Als »Brücke« fungierte zunächst ein Komponist, der im Haus der Semperoper ebenso (nicht nur auf dem Schmuckvorhang) verankert ist wie in der Pariser Oper: Christoph Willibald Gluck.

Denn Gluck konnte im Paris der 1770er Jahre mehrfach mit seinen Opern und Balletten reüssieren. Das lag nicht nur daran, daß er den Geschmack der Franzosen zu »bedienen« vermochte, er nahm ihn auch ernst. Davon zeugen unter anderem seine tiefgehenden Umarbeitungen bereits bestehender Werke (wie im Fall von »Orphée et Eurydice«, zur Zeit in Hamburg zu erleben, bei uns in Heft 32, Seite 19). Viele Jahre vor Wolfgang Amadé Mozart hatte er zum Beispiel den Don-Juan-Stoff für ein Ballett adaptiert – das allerdings schon in Wien (1661). Daß sich Les Musiciens darauf stürz(t)en, ist verständlich.

Brillant war es, was Marc Minkowski hier zu bieten hatte, eingehüllt in einen duftigen Farbenschleier à la française – zum Beispiel mit einem entzückenden Chor aus vier (!) Fagotten. Nur eine halbe Stunde lang war die Auswahl der Musik (die ohne Ballett aufgeführt wurde), bewies aber tänzerische Leichtigkeit ebenso wie gesangliche Qualität. Denn Oboe und Traversflöte konnten charmant singen, wozu Les Musiciens das Proszenium in eine »Balkonszene« einbezog – sehnsuchtsvoll hub die Oboe auf der Bühne an, geradezu zärtlich antwortete die Flöte von oben. Eindrücklich unterstreicht Glucks Musik das szenische Geschehen, und so hätte es Marc Minkowskis französischer Erläuterungen mit einigen deutsch eingeflochtenen Hinweisen (»Das Komtur ist tot«) vielleicht gar nicht bedurft.

An Kolorit und glutvollem Impuls fehlte es allerdings auch nicht – die spanische Herkunft des Stoffes unterstrichen Kastagnetten, und daß der Komponist Don Juans Höllensturz später noch einmal für den Tanz der Furien nutzte, kann verstehen, wer es gestern in der Semperoper hörte.

»Richtig« französisch wurde es nach der Pause. Marc Minkowski hatte dafür eine »Sinfonie« (wie er es nannte) zusammengestellt, ein Pasticcio mit Musik Jean-Philippe Rameaus. Schon bei Don Juan hatte die große Trommel ein Pochen (oder Donnern) an der Tür dargestellt, derlei musikalische Effekte gab es bis hin zum Ticken einer Uhr noch mehr. Berückend war die Farbigkeit und Lebhaftigkeit, die Impulsivität, die Les Musiciens entfachten – da hätte das Publikum gar nicht so verlesen bleiben müssen – vielleicht hatten sich manche von der Ankündigung eines »Galakonzertes« abhalten lassen?

Erquickend war die Folge ungewohnter und solcher Werke, die man durchaus kennt – und sei es aus einer kürzlich erlebten Platée-Aufführung. Les Musiciens du Louvre bewiesen aber auch, welch Könner Komponisten wie Gluck und Rameau waren und daß sie zurecht verehrt werden – der Effekt liegt tief im Stoff und in der Musik verankert und ist weit mehr als nur ein aufgesetztes Feuerwerk!

Eigentlich wäre es doch schön, wenn sich solche Gastspiele im Rahmen von »Barocktagen« wiederholen würden.

23. April 2019, Wolfram Quellmalz

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