Lieber neu

Lutosławski Quartett bei den Meisterkonzerten auf Schloß Albrechtsberg

Nach dem Horszowski Trio vor zwei Wochen fand sich am vergangenen Freitag das Lutosławski Quartett aus Polen zum Kammerabend in Dresden ein. Sie brachten neben Haydn und Beethoven ein modernes Werk mit, welches sich sogar als das interessanteste erweisen sollte. Doch die Eröffnung gehörte – wie so oft – Joseph Haydn.

Aus dem beliebten Opus 76 hatten sich Bartosz Woroch und Marcin Markowicz (Violinen), Artur Rozmysłowicz (Viola) sowie Maciej Mlodawski (Violoncello) die Nummer 2 ausgewählt. Und es zeigte sich – Haydn ist nicht nur ein bekömmliches »Hors d’Œuvre«, er ist auch ein Türöffner. Erfrischend und aufgeschlossen klang sein Allegro, hell, heiter und gelöst das wunderbare Andante, wie frühlingshaftes Vogelgezwitscher schloß es mit dem Vivace assai ab. Während das temperamentvolle Cello zu Beginn wohl Haydns Geschmack (oder Vorliebe für das Instrument) entsprochen haben dürfte, hob die Dominanz der ersten Violine jedoch die Balance auf. Marcin Markowicz musizierte im Verhältnis viel zurückhaltender, so daß sein Instrument teilweise vollkommen verdeckt war.

Mehr Ausgeglichenheit und Spannung bot danach das vierte Streichquartett des zweiten Geigers. In fünf Sätzen, die immer vom gleichen Motiv bzw. Initial ausgehen, entwickelt er verblüffend unterschiedliche Sequenzen. Alle streben einem Höhepunkt zu, der anschließend wieder aufgelöst oder abgebaut wird, so daß sich ein Bild unterschiedlicher »Phasenverschiebungen« eines Ausgangsmotivs ergab. Über Bedrängnis gelangte das Quartett zu Ruhe, über eine Spannungsspitze zur Entspannung; verschiedene (Im)Pulse, Pochen, schienen die vergehende Zeit zu beschleunigen und schließlich zu zeigen, daß sie doch stetig und unbeeinflußbar ist; aus melancholischer Versenkung führte der vierte Satz zurück zu einem beruhigten Punkt im Raum. Gespickt sind die Sätze mit anspruchsvollen (und gewitzten) Spielfiguren, die im Schlußsatz (mit einer Cellokadenz) ihre expressivste Ausprägung erfahren. Verschliffene Töne, Glissandi, kamen den Einspiegelungen eines musikalischen Prismas gleich. Eine echte Entdeckung und kein Dilettantenstück war dies, und vor allem spannungsvoll vorgetragen.

Da konnte Beethoven nach der Pause nicht mehr mithalten. Das Lutosławski Quartett spielt oft genreübergreifende Stücke, Jazz. Vielleicht lag es daran, vielleicht hätte es nicht ausgerechnet den Gipfel von Ludwig van Beethovens Opus 131 wählen sollen, vielleicht hätte mehr Auseinandersetzung hier anderes bewirkt (als das notwendige Lockern der Handgelenke zwischen den Sätzen) – im Vergleich zu dem zuvor gehörten fiel die Spannungskurve hier deutlich ab. Die nachgereichte Bearbeitung eines Radiohead-Songs (!) konnte dem nicht wirklich etwas hinzufügen.

13. April 2019, Wolfram Quellmalz

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