Olivier Latry – »Palastorganist« bzw. Maître de Palais

Organist von Notre-Dame de Paris setzt Residenz im Dresdner Kulturpalast fort

Immer mittwochs findet in Dresden (mit Ausnahme der Zeit des Weihnachtskreises) der Orgelzyklus statt. Seit dem vergangenen Jahr gehört zu den in Kreuzkirche, Hofkirche und Frauenkirche stattfindenden Konzerten auch die Konzertorgel des Kulturpalastes (die allerdings nicht alle vier Wochen gespielt wird). Interessant sind schon die unterschiedlichen Charakteristiken der Orgeln im Klang, nicht weniger die Programme, die darauf gespielt werden. Insofern sei Lesern empfohlen, im Laufe des Jahres oder anläßlich eines Besuches in der Stadt auch die drei Kirchen zu besuchen.

Gestern nun war Olivier Latry noch einmal zu Gast, es war sein letztes Rezital auf dem Eule-Instrument im Rahmen der Residenz bei der Dresdner Philharmonie. Noch einmal zeigte er sich als wandelbarer Meister, der es versteht, einen Raum und ein Instrument zu erkunden. Wie meinte Latry, als er kurz das Mikrophon zur Hand nahm: Er habe gerade eine neue Bach-CD aufgenommen, in Notre-Dames, das sei schon »ein bißchen komisch« – Bach sei barock, die Orgel in Notre-Dames aber romantisch, Bach sei deutsch, er Franzose, Musik eines Protestanten in einer katholischen Kathedrale … Derlei Kategorien sind heute natürlich nicht mehr apodiktisch oder fest begrenzt, insofern war der charmante Kommentar auch nicht ernstgemeint – im Gegenteil.

»Bach und die Romantiker« hieß das Programm von Olivier Latry. Er beleuchtete Johann Sebastian Bach am Vortage dessen Geburtstages sozusagen vor allem aus der Sicht von Komponisten wie Robert Schumann, Franz Liszt oder Eugène Gigout. Daß dabei die Geschlossenheit des Programms etwas aufgegeben wurde, lag nahe, spürbar vor allem bei Charles-Marie Widors »Marche du veilleur de nuit« (aus »Bach’s Memento«) und Eugène Gigouts »Air célèbre de la Pentercôte«, einer Transkription Bachs BWV 68. Als Pastiches sind solche Stücke reizvoll, Puristen fehlte der vertiefte Bezug dennoch, auch deshalb, weil im Konzertsaal natürlich – anders als in der Kirche, wo der Applaus erst am Ende des Konzertes erklingt, geklatscht wird. Daß dabei manche den Nachhall nicht einmal abwarten, war allerdings ein wenig ärgerlich.

Olivier Latry ließ sich durch solcherlei Stimmungsunterschiede jedoch nicht bremsen, fand bei den Fugen vier (B-Dur) und 5 (F-Dur) aus den »Sechs Fugen über B-A-C-H« Opus 60) Robert Schumanns klare, manchmal lyrische Ausdruckskraft und Ruhe, während Franz Liszts »Präludium und Fuge über B-A-C-H« zu einem klanggewaltigen Tongemälde anschwoll. Solch üppige Pracht kann die Orgel farbig reich gestalten, allerdings irritierten an leisen Stellen manchmal mechanische Geräusche oder (offenbar) das Zischen eines Luftstromes. Zugegeben waren dies kleine Unstimmigkeiten, sie überraschten dennoch an dem so jungen Instrument.

Doch meist konnte dies brillieren, beeindrucken, wovon sich das Publikum mitreißen ließ. Und Johann Sebastian Bachs Passacaglia und Fuge c-Moll (BWV 582) erinnerte in der terrassenförmigen Anlage, in welcher das Thema in mehreren Wiederholungen gesteigert wird, durchaus an die Architektur des Saales.

Als Zugabe wählte Olivier Latry ein Stück, über dessen Urheberschaft Kenner, Liebhaber und Musikwissenschaftler streiten. »Toccata und Fuge« d-Moll (BWV 565) ist auf jeden Fall auf Olivier Latrys neuer Bach-CD zu finden.

21. März 2019, Wolfram Quellmalz

Latry
CD-Tip: morgen erscheint die neue Aufnahme
»Bach in future« (La Dolce Volta) von Olivier Latry, die der Titularorganist auf seiner »Amtsorgel« in Notre-Dame de Paris aufgenommen hat. Darauf zu finden sind Originalwerke Johann Sebastian Bachs, wie das Ricercare aus dem »Musikalischen Opfer« (BWV 1079), zwei Fugen g-Moll (BWV 578 und BWV 542), die Choräle »Erbarm‘ dich mein, o Herre Gott« (BWV 721) und »Herzlich tut mich verlangen« (BWV 727), die Phantasie g-Moll (BWV 542) sowie das Orgelstück BWV 572 und natürlich »Toccata und Fuge« d-Moll (BWV 565).

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