Spannungsrisse im Eis

© www.AndreasLander.deErlesene Gesellschaft oder eisiger Käfig? »Vanessa« in Magdeburg
Emilie Renard (Erika), Frank Heinrich (ein Diener), Richard Furman (Anatol), Noa Danon (Vanessa), Ensemble, Photo: Theater Magdeburg, © Andreas Lander

Samuel Barbers »Vanessa« am Theater Magdeburg

Vanessa sitzt seit zwanzig Jahren in einem Haus mitten im Eis, irgendwo im Norden, eingeschneit – wir wissen nicht, warum. Sie wartet; wartet auf die Rückkehr ihres Geliebten.

Schließlich kommt eine Kutsche an, doch in ihr sitzt nicht Vanessas Geliebter Anatol – der ist lange tot – es ist sein Sohn Anatol.

Anatol verbringt zunächst eine Liebesnacht mit Vanessas Nichte Erika, die ihn aber doch zurückweist, da sie nicht an Anatols Liebe glaubt. Doch die Nacht hat Folgen: Erika erwartet ein Kind. Sie wird es verlieren, als sie sich alleingelassen sieht und in die Winternacht flieht …

Anatol hat sich mittlerweile Vanessa zugewandt. Beide brechen auf, nach Paris, verlassen das Haus. Nun ist es Erika, die wartet …

DIE INSZENIERUNG

»Vanessa« ist in Magdeburg Chefinnensache. Karen Stone, Generalintendantin des Theaters, hat sich der Sache selbst angenommen und sich von Ulrich Schulz (Bühne und Kostüme) eine blaue Eiswelt bauen lassen, vor deren Bergen jedoch nicht Caspar David Friedrichs Wanderer steht, sondern ein Haus, ein Palast mit Saal und Salon, Dachterrasse und Kuppel, einer großen Empfangstreppe. Kein hektisches Fahren, keine Lichtspiele – das ist nicht nur wohltuend ruhig.

Was erwartet Vanessa eigentlich? Die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, Gelüste, die Erfüllung einer großen Liebe? Längst scheint sie abgestumpft in ihrer an einen goldenen Käfig erinnernden Abgeschiedenheit, in der ihr (fast) alle Wünsche erfüllt werden. Orchideen, Christrosen und Kamelien, Ente, Hummer und Fasan – es gibt alles, nur Liebe, Berührung oder Wärme nicht – Vanessa mag keinen Fasan mehr sehen …

DIE AUFFÜHRUNG

Eine wahre Eiseskälte herrscht hier – höchst lebendig. Denn jeder lebt in einer kleinen Welt, seiner eigenen kleinen Gefühlskapsel. Noa Danon (Vanessa) begeistert mit Geschmeidigkeit und Unbedingtheit, die nie schneidend mit Kraft protzt, aber dennoch eine gefühllose, kalte Oberflächlichkeit (der »Vanessa-Welt«) anklingen läßt. Da scheint die Nichte Erika anfangs als Abziehbild, Karen Stone hat sie teilweise als Schatten ihrer Tante angelegt, doch findet Emilie Renard in ihrer Figur Leben, Entwicklung und Charakter und fügte der kalten, aber kraftvollen Lebenswelt der Oper den Kontrast feinen Liedgesangs hinzu.

Der alte Doktor ist durchaus noch kein alter Herr und ehemaliger Verehrer. Als ein Gegenmodell, wie ein gescheiterter Mandryka (wenn er Walzer tanzt mit Vanessa), hob Edward Gauntt vom Badischen Staatstheater Karlsruhe (am 9. Februar als kurzfristiger Ersatz für den erkrankten Roland Fenes) das Tragische der Figur heraus und fand sich in Stones Inszenierung, als hätte er dort von Anfang an mitgewirkt. (Eine zuversichtliche Dame im Publikum hoffte in der Pause noch auf ein glückliches Ende und meinte zu ihrer Begleiterin »Vanessa kriegt den Doktor«.)

Indes – Vanessa »bekommt« den Doktor nicht. Der kann Kinderkrankheiten heilen, nicht mehr.

Mit Kammersängerin Undine Dreißig als alter Baronin, Richard Furman als Lebemann Anatol sowie Paul Sketris (Haushofmeister Nicholas) und Frank Heinrich (ein Diener) hat das Magdeburger Theater »Vanessa« mit dem eigenen Ensemble ausgestattet, wozu Svetoslav Borisov mit der Magdeburgischen Philharmonie Barbers glühende und sinnliche Farben zum Leben erweckt. Schon dies lohnt, es zu erleben, noch zweimal in dieser Spielzeit.

15. März 2019, Wolfram Quellmalz

Samuel Barber »Vanessa« am Theater Magdeburg, Vorstellungen noch am 31. März und 8. Mai, weitere Informationen unter: http://www.theater-magdeburg.de/spielplan/musiktheater/vanessa/

Am Mittelsächsischen Theater Freiberg hatte im Februar die Oper »Der Konsul« von Samuel Barbers Lebenspartner und Librettist Gian Carlo Menotti Premiere. Die Neuen (musikalischen) Blätter besuchen eine Vorstellung in der kommenden Woche. Ausführliche Rezensionen beider Opern (mit Bildern) finden Sie im April bei uns in Heft 32.

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