»Israel in Egypt« in der Dresdner Annenkirche

Collegium 1704 präsentiert Händels Solitär

Für uns ist der Weltbürger und Weltkomponist Händel heute nicht nur »geläufig«, er ist geradezu populär. Das gilt für Werke wie seinen »Messiah« ebenso wie für »Xerxes« oder »Rinaldo« bis hin zu einzelnen Arienhits. Und »Zadok the Priest« kennen sogar Fußballfans …

Zu Händels Zeiten war all diese Musik neu, oft sogar neu in ihrer Form, denn der Komponist war auch Unternehmer und mußte Formate finden, die dem Publikumsgeschmack entsprachen (oder ihn weckten). »Israel in Egypt« ist ein Meilenstein auf diesem Weg, ein ungewöhnliches Werk in jeder Hinsicht. Es ist prädestiniert für einen hervorragenden Chor (was den Rückschluß zuläßt, daß schon Händel über einen solchen verfügt haben muß), während die vergleichsweise wenig Soli darin beinahe untergeordnet sind. Der rezitativische Tenor zum Beispiel tritt nur selten auf und durchaus nicht als ein die Handlung vorantreibender Erzähler, also ganz anders als zum Beispiel ein Evangelist in »unseren« Oratorien. Im Vergleich mit solchen Werken fällt auf, daß es bei »Israel in Egypt« praktisch wenig Handlungsverlauf gibt. Allerdings stehen dennoch biblische Szene und Bilder im Mittelpunkt, der Auszug der Israeliten aus Ägypten nimmt dabei eine zentrale Rolle ein.

Für Händels prächtige Musik war der Chor des Collegium 1704 in prächtiger Größe angereist – 24 Sängerinnen und Sänger, so viele wie selten, markierten wohl das Maximum dessen, was in der Annenkirche möglich ist. (Übrigens erklang »Israel in Egypt« nicht in Westminster Abbey, wie man vielleicht denken könnte, sondern im King’s Theatre am Londoner Haymarket. Dort wird heute – man mag es kaum glauben! – »The Phantom of the Opera« aufgeführt! Mögen Gott oder Václav Luks verhüten, daß …)

Der Chor steht bei Václav Luks eigentlich immer im Mittelpunkt, diesmal noch ein klein wenig mehr, nicht erst, als sich der Dirigent für den Schlußapplaus bei den Sängern einreihte. Zuvor hatte er Chor und Orchester in einer farbigen Apotheose zusammengeführt, welche immer wieder den Moment, die Stimmung oder einzelne Textzeilen sinnbildlich unterstrich. Melancholisch, fast tragisch begann die hinzugenommene Symphony (das Werk erklang der nach Händel üblichen Praxis nach in zwei Teilen, also ohne die zu Beginn stehende Totenklage auf Joseph), der Chor (in symmetrischer Aufstellung mit den Sopranen außen) sorgte, oft fugiert, für eindrucksvollste Momente und blieb selbst in expressivsten Passagen noch hervorragend verständlich – nicht unwesentlich für diejenigen, welche sich das Werk auch über den Text erschließen wollten. Weniger ein dramaturgischer Verlauf ist bei »Israel« wesentlich, vielmehr sind es Momente des Innehaltens, des Bekennens und Betonens, wie schon die eigentlich knappe, schwebend vorgetragene Chorpassage »They loathed to drink of the river« (Mit Ekel erfüllte der Trank nun). Gleich darauf schärfte der Chor durch Betonung von Schlüsselworten (»pestilence« / Seuche oder »beast« / Tier), fokussierte, den Ekel herausstrich, ohne dabei in eine aufgesetzte Attitüde zu verfallen. Später dann schien sich in der Annenkirche bei »He sent a thick darknessness« (Er sandte dicke Finsternis) der ganze Raum nicht nur zu verfinstern, sondern von einer drückenden, lähmenden Schwärze ausgefüllt zu werden. Dieses spannungsvolle Weben hielt bis zum eindrucksvollen Schlußchor, wobei es beglückend zu erleben war, wie Sänger und Instrumentalisten in einen Austausch gerieten.

Die Farbigkeit wurde natürlich von erstklassigen Solisten wie den Holzbläsern unterstrichen, die jedoch nicht konzertant herausgestellt waren, sondern bei Händel meist mit einer Singstimme verbunden sind. Selbst ein Unisono von Violinen, Flöten und Oboen galt der differenzierten Ausmalung, während in der instrumentalen Einleitung auch einmal das Fagott den Vortritt vor seinen Kollegen erhielt. Wie wundervoll klangen diese Posaunen, die doch kaum alleine funkeln sollten, sondern den Chor quasi »anschieben«, den Atem bekräftigen, oder Hagel und Feuer intonierten!

Natürlich hatte das Collegium 1704 mit Hannah Morrison und Helena Hozová (Sopran), Benno Schachtner (Alt), Krystian Adam (Tenor) sowie Tomáš Král und Jaromír Nosek (Baß) wieder bestechende Solisten dabei. Beeindruckend war das Duett der Soprane, die so genau, man möchte fast sagen exakt, zusammenpaßten. Hannah Morrison trug weitere Soli mit fast lyrischer Einfühlsamkeit vor. Glänzend war Benno Schachtner, der seine Rolle geschmeidig, mit warmem Timbre und wunderbar rollendem »R« ausfüllte.

Zwischendurch konnte man lauschen und entdecken, im Baß eine Steigerung erkennen, wie man sie auch im »Messiah« wiederfindet (weshalb mancher wohl auf das »Hallelujah« wartete). Doch nicht die einzelnen Arien oder Soli waren es, die diesmal einen Höhepunkt darstellten, Václav Luks führte diesen mit dem Schlußchor herbei, in Stufen noch einmal – dem war bei allem Jubel keine Zugabe mehr anzufügen.

14. März 2019, Wolfram Quellmalz

Am 10. April 2019 steht bei der Musikbrücke Prag-Dresden des Collegium 1704 Johann Sebastian Bachs »Matthäus-Passion« auf dem Programm, 19:30 Uhr in der Dresdner Annenkirche oder schon am Vortage im Rudolfinum Prag

http://www.collegium1704.com/de/programme

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