Vom Tanz zur Trauer

Dresdner Orgelzyklus in der Kreuzkirche

Man muß nicht immer das Mahler’sche Zitat bemühen, um zu erkennen, daß Tradition nicht auf Beibehaltung und Beharren fußt, sondern belebt werden will. Veränderungen sind also inbegriffen, statt nur etwas wieder und wieder zu wiederholen – wohl denen, welche dies sanft zu leiten wissen.

So weist auch der seit vielen Jahren bestehende Dresdner Orgelzyklus immer wieder Neuerungen auf. Die Ergänzung der Reihe um die Konzertsaalorgel des Kulturpalastes war die vielleicht größte Veränderung der letzten Zeit. Neben programmatischen Schwerpunkten entsprechend des Veranstaltungsortes lädt seit diesem Jahr Holger Gehring um jeweils 19:19 Uhr vor den Konzerten in der Kreuzkirche zum Gespräch »unter der Stehlampe« in die Schützkapelle des Hauses. Hier stellt sich die Organistin bzw. der Organist des Abends kurz vor und geht auf das Programm ein, auf Gründe für die Zusammenstellung oder Ergänzendes (was nicht im Programmheft zu finden ist).

Gestern nun war Holger Gehring mit sich selbst im Gespräch, denn der Kreuzorganist brachte die große Jehmlich-Orgel anschließend selbst zum Klingen. Dem Anlaß des Aschermittwoch (bzw. nach protestantischem Kirchenkalender des Frühlingsbußtages) entsprechnd hatte er Musik ausgewählt, welche sich Tanz und Trauer zuordnen läßt und die Übergänge offenlegt. Derlei gibt es manche, denn viele der Kunsttänze, welche Eingang in die Musik gefunden haben und in sehr artifizieller Form weiterentwickelt wurden, haben einen schreitenden Charakter, wie Allemande und Sarabande zum Beispiel, und auch die Passacaglia kann von einem weichen, fast melancholischen Ausdruck geprägt sein.

Melancholie kam im nachfolgenden Konzert jedoch nicht auf. Es stellte nicht nur die titelgebenden Attribute, sondern höchst unterschiedliche Werke gegenüber. Dazu zählte Johann Sebastian Bachs Phantasia und Fuga g-Moll (BWV 542), welche jedoch unabhängig voneinander entstanden und erst später zusammengefügt wurden. Holger Gehring entschied sich daher dafür, die Teile einzeln erklingen zu lassen und dazwischen eine von Bachs Triosonaten zu plazieren. Kraft-, aber maßvoll begann die Phantasie den Abend, festlich, während die spätere Fuga besonders tänzerische Elemente enthielt. In ihrer Pracht stellte sie aber auch einen großen Kontrast zur Triosonate in der Paralleltonart G-Dur dar – im direkten Vergleich konnte man staunen, wie »leichtfüßig« Vater Bach zu komponieren verstand.

Mit Jehan Alains »Deuil« (Trauer), einem von drei Tänzen, begann der noch beeindruckendere Teil des Abends, denn für Musik des 20. Jahrhunderts ist die Orgel prädestiniert. Mystisch schimmerte das Werk mit Liegetönen in der Mittellage über einem Baß. Darin konnte man nicht nur einen schreitenden, sondern (mit vielen Doppelschlägen) einen Herzschlagcharakter finden. Ein erstaunliches Tongemälde, dessen Farben sich aufhellten, rhythmisch beim Schreiten blieben, dessen Schlußakkord aber in äußerster Knappheit kleiner wurde, ein Verhallen ohne Bruch darstellte. Holger Gehring hatte das Werk in einem Kurs bei Jehans Schwester Marie-Claire kennengelernt, welche die Spielweise ihre Bruders zu vermitteln versucht hatte.

Nach zwei Sätzen aus Louis Viernes erster Orgelsinfonie standen schließlich noch recht junge Stücke auf dem Programm: François Verckens »Reflets de Vitrail« (Reflexionen von farbigem Glas, durch die Fenster der Kathedrale Chartres inspiriert) sowie die siebente »Saga« des erst vor wenigen Wochen verstorbenen Jean Guillou. Mit dissonanten Kaskaden und hohen technischen Ansprüchen machen beide klar, daß es sich um Wettbewerbsbeiträge der jüngeren Zeit handelt, jedoch war nicht die »Sportlichkeit« vorherrschend, sondern Farben, Strukturen und Rhythmus. So scheint Verckens Stück eine Sing- oder Sprechstimme zu enthalten, die schreit, lamentiert, widerspricht. Nach einem expressiven Ausruf bricht sein Werk (ganz anders als eben Alain) plötzlich ab.

Guillou wiederum verblüfft mit der rhythmischen Struktur, welche das Werk ständig neu ordnet und es ungemein kurz erscheinen läßt. Ein wenig erinnert es an die Sequenzen eines Steve Reich, nur daß sie hier in Kaskaden gefächert vervielfacht auftreten.

Holger Gehring bedankte sich bei der aufgeschlossenen und interessierten Zuhörergemeinde mit einem Ausschnitt aus Bachs Passacaglia (aus Passacaglia und Fuga c-Moll, BWV 582).

7. März 2019, Wolfram Quellmalz

Das nächstes Konzert des Orgelzyklus findet am 3. April, 20:00 Uhr statt. Zu Gast sein wird Léon Berben aus Köln. Zuvor (19:19 Uhr) lädt Holger Gehring wieder zu »Orgelwein und Organist im Gespräch – Erhellendes und Berauschendes zum Konzert in der Kreuzkirche« in die Schützkapelle (gleich rechts des Kirchenschiffes am Turmaufgang) ein.

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