Mit Verve

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle beschließen (vorläufig) Schumann-Zyklus

Mit dem zweiten Sinfoniekonzert im Oktober hatte Christian Thielemann bereits einen kleinen Zyklus vollendet, jenen der Sinfonien Robert Schumanns, kürzlich folgte dem eine Aufführung des Klavierkonzertes nach. Im achten Sinfoniekonzert wurde nun ein Schlußpunkt gesetzt – soweit man unter Schumann und in Dresden einen Schlußpunkt setzen kann. Doch nicht sein Violin- oder Cellokonzert stand auf dem Programm, auch nicht »Manfred«, sondern sein Konzertstück für vier Hörner und Orchester sowie Franz Schuberts »Große« Sinfonie C-Dur (D 944).

Diese Sinfonie hatte Robert Schumann im Nachlaß des Komponisten bei dessen Bruder Ferdinand entdeckt und der Welt (mit Felix Mendelssohn als Dirigent) erschlossen. Ein Schumann-Bezug lag also durchaus in diesem Werk – und wann hat man Schubert schon einmal so sinnenreich gehört? Vielleicht im Dezember 2011. Damals feierte Georges Prêtre sein zehnjähriges Jubiläum bei der Kapelle unter anderem mit Schubert, der Unvollendeten Sinfonie. Die Blumen – rote Rosen – überreichte ihm damals Christian Thielemann …

Schuberts »Große« Sinfonie ist an sich schon ein unvergleichliches Prachtstück und Höhepunkt des Abends. Christian Thielemann formte daraus einen schwebenden Dialog der Streicher und Bläser, fast war man versucht, den ersten Satz »die Kraft und die Herrlichkeit« zu betiteln!

Erneut spielte die Staatskapelle im größten Musikzimmer auf der Bühne, was nach der Anzahl der Musiker bzw. der »Sitztiefe« wohl nicht nötig gewesen wäre, aber dem Klang, vor allem der Blechbläser, eine ungemeine Freizügigkeit gibt. Thielemann schöpfte daraus und formte, malte das Andante con moto mit schroffen Kanten, was an Caspar David Friedrichs »Eismeer« denken ließ. Doch das Eis schmolz dahin unter dem geschmeidigen Weben der Streicher …

Mit dem Scherzo ging es von hier fröhlich, frohgemut weiter, Schubert hatte den »Kippunkt« umschifft und machte sich auf in neue Gefilde, die im vierten Satz – allein schon wie eine große Sonate – noch einmal allen Samt der Staatskapelle aufschimmern ließen. Verblüffend, wie der Komponist ein formal kolossales Werk so leichtfüßig und flüssig dahinzeichnete, das trotz extremer dramaturgischer Lagen ohne Blöcke und Klüfte auskommt, die Bruckner später so wirkungsvoll einsetzte.

Der Spanungsbogen war packend, setzte eine umsichtige, fast zartfühlende Lesart voraus. Christian Thielemann ließ die Noten einzeln polieren und fügte sie zu einem Ganzen, das noch mit den Bässen Herz und Bauch erreichte, durch Mark und Bein zu gehen vermochte. Unglaublich war diese Tiefe, beeindruckend gerade, daß bei aller Umsicht und Vorsicht kein zartes Pastell entstand, sondern ein kraft-, blut- und lebensvolles üppiges Bild, das den Gipfel einer Gattung markiert.

Neben den umschmeichelnden Streichern konnte sich Christian Thielemann wieder auf formidable Holzbläser (Oboe: Céline Moinet, Klarinette: Wolfram Große, Flöte: Andreas Kießling) sowie ein herzig strahlendes Blech verlassen. Trompeten und Posaunen standen sich im Choral gegenüber, während die Hörner im zweiten Satz einen Weckruf einflochten. Begonnen hatte das Werk schon mit einem kantablen Einsatz von Robert Langbein, der dort einsetzte, wo seine vier Kollegen zuvor aufgehört hatten.

Denn vor der Pause hatte Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner auf dem Programm gestanden. Zoltán Mácsai und Jochen Ubbelohde (Solohornisten der Staatskapelle) sowie Julius Rönnebeck und Miklós Takács (Zweite Hornisten) ließen das freudig-helle Werk durch den Raum fluten, und schon hier erwies sich die Konzertzimmerwahl als glücklich, denn anders als sonst oft, wenn dieser Schumann geschmettert (wozu er verleitet) und laut (was leicht passiert) wird, war ein Gleichgewicht gegeben, welches jeden grellen Glanz oder brachiales Stürmen ausließ. So konnte auch das Quintett aus Hörnern und Violoncello (Norbert Anger) noblen Klang verströmen.

26. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

heute noch einmal: 8. Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann (Dirigent), Robert Schumann: Konzertstück für vier Hörner Opus 86, Franz Schubert: Sinfonie C-Dur D 944

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