Aus der Bahn geworfen

Katharina Mevissen »Ich kann dich hören«

Ich kann dich hören

Die Zeit des Studiums verspricht einem Freiheiten, die man später nie mehr haben wird. Es ist eine intensive Zeit, in der man vieles aufnimmt, voller Energie und Neugier steckt, voller Zielstrebigkeit; eine Zeit, in der sich der Horizont enorm weitet, man die eigenen Erfahrungen ständig neu bemißt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Richtung zu bestimmen, den Absprung zu schaffen, Fahrt aufzunehmen …

So zumindest sagt es die Theorie. Doch was, wenn plötzlich ein Ereignis die Eckpunkte dieses Lebens verschiebt, wenn sich das wilde Konstrukt des Lebens windet, zu knacken beginnt, wenn es Risse bekommt und einzustürzen droht und plötzlich nichts mehr stimmt, wenn man feststellt, daß die Koordinaten falsch sind, daß die Referenz unsicher ist und sich die Vergangenheit anders herausstellt, als man sie bisher annahm?

Osman, ein junger Cellist, studiert in Hamburg. Da bricht sich sein türkischer Vater, ebenfalls ein Musiker, das Handgelenk. Doch nicht nur das Handgelenk geht entzwei, die ganze Familienkonstellation gerät ins Wanken, zumindest für Osman. Mit dem Vater verbindet ihn offenbar ein tiefer Konflikt, den beide nicht ansprechen. Sie sehen sich kaum, meiden sich. Der Bruder ist weit weg in Kanada, nur Tante Elide, die Schwester des Vaters, ist da, aber sie nervt Osman mit ihren vielen Anrufen und setzt ihn unter Druck. Gerade bricht sie auf, findet ihre »erste Sprache« wieder und beginnt ein neues Leben, ihr zweites, das sie einst unterbrochen hatte. Die Mutter ist seit Jahren schon weg, ihre Söhne kennen sie gar nicht …

Und dann ist da Luise, die Mitbewohnerin – was will sie von Osman?

Die Bahn fährt ein. Aber auch hier ist solche Musik, Musik aus schillerndem Polyester und künstlichen Aromen. Jugendliche lassen Techno vom Handy laufen, Plastikfolie, in Streifen geschnitten und zusammengeknüllt, übereinandergelegte und miteinander verklebte Fasern, die knisternd in meinen Kopf gedrückt werden. Sie stopfen mich, bis ich das Gefühl habe, dass ich mich gleich übergeben muss, um diese ganze Musik wieder auszukotzen. Ein paar Minuten lang kann ich keinen einzigen Takt von vorhin in mir wiederfinden. Für kurze Zeit hänge ich mich an die Illusion, sie könnten die Sonate in mir erstickt und aus meinem Gedächtnis gelöscht haben.

Alles scheint aus dem Ruder zu laufen. Eine Prüfung, die Kontaktlinsen, Kopfschmerzen. Osmans Orientierungssystem ist beschädigt, und wer ihm helfen will oder könnte, den weist er zurück oder läßt ihn nicht an sich heran. Nicht nur Luise oder seine Tante, auch Philipp, seinen Kammermusikpartner.

Jetzt schaue ich hoch: Suats Gesicht, das einstürzt. Es geht so schnell, dass es sich nirgendwo festhalten, sich nicht fangen kann, es stürzt einfach ein. Mein Vater, er stürzt ein. Das habe ich noch nie gesehen. Zum ersten Mal heute bin ich froh, dass der Abstand zwischen uns so gering ist, dass ich ohne Linsen alles scharf sehe, was gerade passiert. Wie ein Ruck durch seinen Oberkörper geht, die Lippen zu zucken beginnen, die Augen auf das Foto stieren. Wie er schleudert.

Da findet Osman ein Diktiergerät. Eigentlich könnte er es zurückbringen, denn es trägt den Aufkleber einer Medienleihstelle, aber er vergißt das Gerät zunächst. Erst etwas später beginnt er, die Aufnahmen anzuhören. Sie ziehen ihn an, lassen in seinem Kopf ein konkretes Bild der Frau, die er hört, entstehen. Er hört ihr zu, kommt zur Ruhe, atmet in Takten …

Ich gehe den Böschungsweg entlang, der zum Friedhof führt. Unkraut und Gestrüpp wuchert, und das Einzige, was ich davon kenne, sind Brennesseln. Sie stehen in dichten Gruppen und drängen sich in den Weg. Ich muss sie anfassen, muss wissen, ob sie noch stechen, wie früher. Zögere erst, dann packe ich zu, mit beiden Händen, greife tief und fest in den Brennesselteppich. Es tut noch immer weh, die Säure frisst sich in die Haut, Hände und Unterarme. Ich halte fest, halte aus, zähle Takte, vier, fünf. Ich schau mir in die Hände, überall weiße Pusteln. Und das Jucken. Irgendwie bin ich erleichtert. Dass es wehtut, noch immer.

Manchmal etwas ungelenk nähert sich Katharina Mevissen ihrem Helden und dessen ungelenkem Denken, das die Sätze nicht beendet und ein konsequentes Handeln unmöglich macht. Osman ist ein Gefangener, der Familiengeschichte, des Türkisch seiner Tante, und ein wenig wohl auch der Stimme aus dem Diktiergerät.

Wolfram Quellmalz

Katharina Mevissen »Ich kann dich hören«, Roman, Wagenbach, fester Einband, Schutzumschlag, 168 Seiten, 19,- €, auch als e-Book (15,99 €)

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