Das Orchester als Chor

Collegium 1704 mit Serenaden

In jeder Spielzeit der Musikbrücke Prag-Dresden kommt das Collegium 1704 jeweils einmal ohne seinen Chor zur Annenkirche nach Dresden und präsentiert sich kammermusikalisch, Trios und anderes sind dann zu hören. Am Freitag nun gab es wieder einmal eine Premiere, nein zwei: einerseits boten die Musiker ihrem Publikum erstmals Serenaden dar, andererseits spielte das (eigentlich) Barockorchester zum ersten Mal an dieser Stelle ein Werk von Antonin Dvořák – 1877 / 78 entstand die Serenade in d-Moll und war damit das jüngste bisher vom Collegium gespielte Stück.

Gleichwohl haben sich schon in der Vergangenheit Ausflüge zum (vermeintlichen) Rand des Repertoires als gekonnt und glücklich erwiesen. Zelenka und die Barockmusik werden fürderhin trotzdem den Kern des Schaffens bilden. Aber selbst moderne Sinfonieorchester haben bemerkt, auf welchen Wegen man sich historisch informieren und den Klang gewinnbringend bereichern kann. Weshalb also sollten ausgerechnet jene, die sich täglich mit historischer Aufführungspraxis auseinandersetzen, nicht einmal in die Gefilde der Romantik vordringen?

Doch zunächst kehrten die Musiker nach Wien zurück, zu Mozart, der bisher unter anderem mit der Messe c-Moll auf dem Programm gestanden hatte, aber auch schon mit dem Divertimento KV 138 (2010). In der Stimmung und mit Instrumenten der Zeit, welche mehr Farbe, mehr »Kante« bedeuten als in der modernen Auslegung, verbanden sich hier – wie sonst beim Chor, die Individualität der Bläser (Sänger) und die Homogenität des Ausdruckes. Wollte man einem chinesischen Gast das deutsche Wort »Harmoniemusik« definieren – er hätte es an diesem Abend sicherlich verstanden, ohne daß eine weitere Erklärung notwendig geworden wäre.

Erfrischend war die Beweglichkeit der Bläser, welche sich »hüpfend« durch die Musik bewegten, derweil die Fagotte munter treppauf »stiegen«. Sieben Sätze dauerte die Erfrischung und ließ kaum nach, denn die muntere Zwei-, Drei- und Mehrsamkeit gab immer wieder den Blick frei auf die Trios, Quartette und kleineren Formationen innerhalb des Musikerkreises, welche Mozart miteinander kombinierte. So kreuzte er die Stimmen der Quartette Oboen – Klarinetten oder Bassetthorn – Klarinette (etc.), ließ 1. und 2. gemeinsam singen und legte so den Grundstein für eine innige Verbindung.

Ausführen muß man es natürlich erst, denn nur auf dem Blatt stehend, in der Partitur, sind selbst Mozarts Noten noch keine Musik. Das Collegium beflügelte Václav Luks zu einer beschwingten Lesart, das nicht nur die beiden Menuette lebhaft pulsieren ließ. Gerade das wunderbare Adagio wurde von einem inneren Impuls getragen, als sei es purer Atem!

Nicht nur von diesem Adagio hatte sich Antonin Dvořák inspirieren lassen, doch trat es am deutlichsten als schöpferische Quelle in seiner Serenade hervor. Das Opus 44 erklang nach einer kurzen Pause, die Václav Luks launig moderierte, in der Stimmung seiner Zeit. Will heißen: die Musiker transponierten ihr Stimm-a von 430 auf 438 Herz herauf, wechselten die Instrumente, deren Bauformen sich zwischen Mozart und Dvořák weiterentwickelt hatten. Markus Springer tauschte darüber hinaus im Stück noch die A- gegen die B-Klarinette (bzw. umgekehrt), je nachdem, wie es der entsprechende Satz erforderte.

So konnten sich jene Bläser, die sonst im Orchester oft nur wegen ihrer Soli auffallen, einmal in der ersten Reihe präsentieren, konnte man lauschen und sinnen, was auch Bassetthorn und Fagott an Schönheit und Klang zu spenden vermögen. Bei Dvořák traten gleichwohl doch die beiden Streicher etwas deutlicher hervor: während der Kontrabaß bei Mozart nur stützt, dürfen er und das Violoncello bei Dvořák durchaus mehr beitragen, gar mit Tremolo dramatisieren!

Ein im Verhältnis kurzes, aber um so erquicklicheres Programm, das mit einem schmetternden Horntrio im Hintergrund schloß – das Finale des Finales gab es als Zugabe noch einmal.

Fazit: Das Collegium kann auch Dvořák – hatte das jemand bezweifelt?

9. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

Das nächste Konzert der Musikbrücke (Händel »Israel in Egypt«) gibt es am 13. März in der Annenkirche Dresden

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