Gustav Mahlers trügerische Hoffnung

Dresdner Philharmonie mit 9. Sinfonie

Nach Wochenfrist stand gleich noch ein Werk auf dem Konzertplan der Philharmonie, das während der Planungszeit für den Umbau des Kulturpalastes oft als Referenz genannt wurde – auf die »Orgelsinfonie« von Camille Saint-Saëns (als Maßstab für orgelsinfonische Werke) folgte Gustav Mahlers 9. (für den Saal). Nicht nur der Zuschauerraum, auch die Bühne war bis auf den letzten Platz besetzt.

Es sollte die letzte vollendete Sinfonie des Komponisten werden, vieles spricht dafür, daß sie die Ahnung des Todes schon in sich trägt. Während sie zunächst Frohgemutheit vorzugaukeln scheint und die Persiflage immer offener preisgibt, erweist sich der Schluß mehr und mehr als Rückblick und entlarvt das Vorangegangene als trügerisch.

Vereinzelt und herb erklingen Bläser und Harfe zu Beginn – eine Herbheit, die immer wiederkehren sollte – doch fehlte hier noch der Zusammenhang. Tonal und in den Einsätzen ließ das Orchester hier die sinfonische Deckung vermissen, welche sich erst mit den einsetzenden Streichern homogen einstellte. Mahler scheint vom Werden und Vergehen zu erzählen, schon im Andante comodo stecken mehrere Kulminationspunkte, die vom Wachsen und Erblühen künden, aber schon das Bersten in sich tragen, manches war freilich etwas schrill überdeutet (Flöten). Immer wieder aber fand die Sinfonie in einen Wohlklang zurück, ins Idyll, wenn sich ein Hornruf (großartig an diesem Abend: Jörg Brückner) erhob zum Beispiel. Tongewordenes Naturschauspiel schien das zu sein, was sich vor den Zuhörern öffnete, auch deshalb, weil Mahler immer wieder ins Melos seiner Lieder fällt. Doch er zitiert nicht nur, er imitiert auch.

Michael Sanderling ließ das Trügerische in Mahlers Sinfonie immer wieder durchscheinen, hob fahle Klänge sacht hervor. Geradezu plastische Kontraste legten solche Imitation als Bruch offen, wie der vermeintliche Glockenschlag der Harfe, welchen die Streicher erwidern. Darin, daß Mahler dem Idyll fast immer etwas entgegensetzt, den Keim des Vergehens, fand Sanderling den Zugang und die Tiefe in der Stimmung, wie in den der Verklärung antwortenden Bässen (Kontrabässe und Fagotte) – elegische Feinheiten und dramatisches Aufbäumen folgen nicht nur aufeinander, sie bedingen sich offenbar gegenseitig.

In den Feinheiten fand sich das Orchester, man konnte diese Nuancen (Flöte / Violinen, Flöte / Horn, Konzertmeistersolo) auch bis ins letzte Detail verfolgen. Dialoge prägten auch den zweiten Satz mit geradezu grazilen Holzbläsern. Das Rondeau erscheint danach als Parodiesatz – mit aufgesetzter, unwuchtiger Lustigkeit ging es keck durch die Tonarten, und wenn es hier quäkte und quietschte, war das Absicht: Das Idyll verblaßte zur Traumsequenz, von Paukenschläge beendet, Wellen der Harfe wischten die Täuschungen hinweg – vorbei!

Den Höhepunkt der Sinfonie gestaltete Michael Sanderling im Schlußsatz, der mehr und mehr wie Erinnerung schien. Beklommen, in Einsamkeit und Wehmut wurde das Adagio zum Rückblick ohne Ausblick, ohne Hoffnung? Die Sinfonie verdämmerte in letzten Atemzügen.

3. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

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