Konzert für Ludger Rémy

Dresdner Musikhochschule gedenkt ihres 2017 verstorbenen Professors

Am heutigen Tag wäre Ludger Rémy 70 Jahre alt geworden. Doch der vielseitige Musiker, Denker, Lehrer […] verstarb bereits vor zwei Jahren (wir erinnerten in Heft 26, Seite 8, an Ludger Rémy, zu finden unter: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/hefte-als-pdf-zum-herunterladen/).

Gestern vor genau zehn Jahren hatte – am Vorabend seines 60. und am 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn (!) – im Großen Saal der Musikhochschule Dresden ein legendäres Konzert stattgefunden, das nicht nur in seinen Ausmaßen (über drei Stunden, zwei Pausen) alles überragte, was sonst üblich ist, sondern vor allem deshalb in Erinnerung blieb, weil ein Mann es geprägt hatte: Ludger Rémy. Der trat an diesem Abend an Instrumenten seiner Sammlung (Virginal, Cembalo, Hammerklavier) sowie als Leiter auf, spielte Tomkins, Weckmann, Graun und natürlich Carl Philipp Emanuel Bach, von dessen Namen sich die Bezeichnung des eigenen Ensembles Les Amies de Philippe ableitete. Mendelssohn spielte er übrigens nicht.

So einen Abend erlebt man nur einmal, er läßt sich nicht wiederholen, und so wurde das Konzert, ein wenig ein Gedenkkonzert, ein ganz anderes als jenes vor zehn Jahren. Britta Schwarz, welche damals dabeigewesen ist, war wieder unter den Solisten, eine wichtige Rolle übernahmen Hans-Christoph Rademann und sein Dresdner Kammerchor. Für ihre preisgekrönte Gesamtaufnahme der Werke Heinrich Schütz‘ war Ludger Rémy nicht nur ein wichtiger Kammermusikpartner, sondern auch Inspirateur, Berater, Lehrer, Kenner, Mit-Denker, Vermittler […]

Die Vokabeln »Querdenker« und »bereichernd« hört man immer wieder, wenn man Menschen, die Ludger Rémy gekannt oder mit ihm zusammengearbeitet haben, befragt. Die Bezeichnung »Alte Musik« dagegen hat er selbst vermieden, weil ihm vermutlich jede Kategorisierung widerstrebte. Sein Hauptohrenmerk schenkte er aber der Musik vor allem vor dem 18. Jahrhundert – daher kein Mendelssohn.

Wer gestern abend fehlte, war vor allem Ludger Rémy selbst. Mancher hätte sich vielleicht gewünscht, daß ein Bild von ihm aufgestellt worden wäre, und ob das Konzert so im Sinne Ludger Rémys war oder ihm gefallen hätte, wie sich Laudator Manuel Gervink sicher war, kann man auch bezweifeln. (Als »Querdenker« hätte er wohl manches anders gemacht.) Aber darauf kam es weniger an, denn der Abend für Ludger Rémy war schließlich und vor allem ein Abend für jene, die (sich) an ihn erinnern wollten. Das wurde während Manuel Gervinks Rede ersichtlich, die gerade in den erinnernden Gedanken, Anekdoten, viel heitere Empfindungen offenbarten, die mit dem Musiker und Weggefährten verbunden sind. Zu ihnen zählen nicht nur der Chor oder die Solisten, sondern auch die Musiker des Barockorchesters um Margret Baumgartl.

Natürlich war auch der musikalische Teil ein anderer als damals. Am nächsten kamen ihm vielleicht Andreas und Elisabeth Hecker mit einem anonymen Concerto, welches Ludger Rémy für zwei Tasteninstrumente nach »Dresdner Art« eingerichtet hatte. Im Verzeichnis der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek ist das Werk aus dem berühmten Schranck No. II, Fach 33, 7. Lage, als Mus.2-Q-21,1 (Quartett) Georg Philipp Telemann zugeordnet. Da hätte der Autor gerne Ludger Rémy gefragt, ob er dem zustimme. (Das Stück ist auf der bei cpo erschienen CD »6 Concerti aus der Sammlung „Schranck II“ der Sächsischen Landesbibliothek Dresden« – dort als »Anonymus« – enthalten.)

Wie offen und wie wenig beschränkt Ludger Rémy dachte, zeigte auch die Uraufführung von Thomas Zoller. Der Musiker ist mit seinen zeitgenössischen Werken und Jazz-Anklängen definitiv weit von der »Alten Musik« entfernt. Dennoch ist seine Arbeit bei Ludger Rémy auf ein »nicht zu erwartendes Interesse« gestoßen. Aus der Inspiration entsprang das Werk »Fortune, my foe – More wishes«, dessen Neufassung für Gongs, Glocken, große Trommel, Sprechstimmen und Barockharfe vor der Pause erklangen. Der Text entstammt übrigens einer Quelle aus dem 16. Jahrhundert – anonym natürlich, etwas für Sucher …

Auch die anderen Werke des Abends waren Musikbeispiele für das Wirken Ludger Rémys. Einen Ausschnitt aus dem Schütz-Projekt mit dem Dresdner Kammerchor gaben fünf der Geistlichen Gesänge (incl. SWV 418 »Nun danket alle Gott«) sowie Gottfried Heinrich Stölzels Kantate »Herr, enthalt uns dein Wort« und Georg Gebels d. J. »Verfolge mich, o Welt!« – beides Stücke, für deren Erschließung Ludger Rémy den nun Ausführenden ein wichtiger Antrieb gewesen ist. Die Alt-Arie »Erlöse meine Seele« aus Gebels Musik mochte manchen an Johann Sebastian Bachs »Schlummert ein, ihr matten Augen« aus BWV 82 erinnern, insgesamt war die Kantate eine ungewöhnliche Pretiose, denn sie bedenkt nicht nur den 2. Weihnachtsfeiertag, sondern auch den Stephanustag, also den Gedenktag für einen Heiligen, dessen Tod (durch Steinigen) als Martyrium angesehen wird.

Der Dresdner Kammerchor zeigte sich als Schütz-erfahren und versiert, wußte in den verschiedenen Chörigkeiten zu überzeugen und durch sanfte Betonungen Deutungsansätze, Fingerzeigen gleich, einzuräumen. Unter den fabelhaften Solisten fielen (wieder einmal) Martin und vor allem Isabell Schicketanz auf, die mit stimmgewordener Hingabe Herz und Seele zu berühren vermögen. Maria Stosiek kann mit geschmeidigem Alt und großer Anpassungsfähigkeit offenbar mühelos im Sopran wirken. Britta Schwarz legte in Gebels Kantate die Bruchstellen offen, die sich aus den verschiedenen Anlässen eines 26. Dezember ergeben.

Das Konzert für Ludger Rémy war also eines für jene, die von und mit ihm gelernt haben und für sein Publikum, ersetzen kann ihn schließlich keiner. Immerhin bleibt sein Wirken in solchen Projekten erhalten sowie in vielen Aufnahmen (bei Labels wie cpo, Carus, MDG oder Warner).

Nach wie vor empfehlenswert, gerade wegen seiner Gehalte in Wort und Bild, ist die Internetseite http://www.ludger-remy.de

4. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

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