Noch ein Weiheschritt: Dresdner Konzertsaalorgel erklingt in Sinfonischen Werken

Olivier Latry wieder zu Gast bei der Philharmonie

Es ist eines jener Stücke, die Referenzcharakter haben: Camille Saint-Saëns‘ sogenannte »Orgelsinfonie« war eines der meistgenannten Argumente für den Einbau einer richtigen Konzertsaalorgel in den neuen Saal des Kulturpalastes. Saint-Saëns hatte mit dem Werk eine ganze Gattung geprägt, andere (meist französische) Komponisten folgten ihm. Doch blieben Werke wie auch von Francis Poulenc bisher Solitäre

Bisher – heute beschäftigen sich Komponisten ebenso damit. Und wieder war es ein Franzose, Thierry Escaich, der den Werkekanon erweiterte. Sein schon drittes Konzert für Orgel und Orchester erklang am Wochenende in den Konzerten der Dresdner Philharmonie (hier sei wegen der ungewöhnlichen Besetzung die Zusammenfassung der Gattungen von Konzert und Sinfonie einmal gestattet.)

In »Quatre visages du temps« spürt Escaich den vier Gesichtern der Zeit nach und verankert die Sätze entsprechend im frühen Barock, in der Vivaldi-Ära, in der Romantik und im Jetzt. Mit Pfeiftönen beginnt das Werk, läßt zunächst nicht klar erkennen, ob es der Diskant der Bläser oder der Orgel ist. Es ist ein Charakteristikum des Werkes, daß der Komponist der Orgel weniger Solopassagen übertragen hat, sondern oft Klänge mischt und die Orgel auf die eine oder andere Weise hervortreten läßt. Zunächst beginnt das Konzert sachte (»Source« / Quelle), schwillt dann an und durchschreitet Raum und Zeit, findet Kulminationspunkte und große Klangmassen, Rhythmen. Teilweise wirkt es bombastisch, beeindruckend, doch nicht immer ist klar, »wohin« Thierry Escaich will – weshalb das Peitschenknallen in der Romance? Mancher Effekt scheint beliebig oder einem Selbstzweck unterworfen, bei einer Dauer von einer halben Stunde muß man dem Stück und dem Zuhörer jedoch auch zugestehen, daß sich nicht alles beim ersten Hören erschließt – das Publikum war beeindruckt.

Das hing ganz wesentlich an zwei Personen: dem Organisten Olivier Latry und dem Dirigenten Stéphane Denève. Latry wird noch einmal, am 8. Februar, zu erleben sein, dann jedoch als Begleiter eines Stummfilmes. Somit war es sein vorläufig letzter »normaler« Konzerteinsatz, den er vor der Pause mit einer Zugabe abschloß: »Evokation« von Thierry Escaich erschien in seiner Konzentration noch reizvoller als das Konzertstück – vielleicht kehren Latry und Escaich ja bald im Rahmen des Orgelzyklus‘ zurück?

Stéphane Denève hatte den Abend mit Claude Debussys »Prélude à l’aprés-midi d’un faune« begonnen und dabei manchen mit seinem Dirigat überrascht. Mit großen Bewegungen wirkt es sehr emotional und läuft Gefahr, zur Show zu werden, die Flötenkantilene zu Beginn wird gewöhnlich frei vom Flötisten gestaltet, Denève gab hier jedoch klar Takt und Struktur vor, wie er auch die Stille am Ende bemaß. Den Philharmonikern schien dies jedoch zu gefallen.

Auch sonst kann man feststellen, daß Stéphane Denève offenbar nicht die Enge einer strikten Vorgabe, eines Zwangs wirken ließ. Saint-Saëns dritte Sinfonie war von geradezu mendelssohn’scher Leichtigkeit – verblüffend! Genußvoll und majestätisch mischte sich die Orgel in Passagen, führte der Dirigent Solisten und Orchester zu einer klangvollen Synthese.

27. Januar 2019, Wolfram Quellmalz

Tip: Olivier Latry begleitet an der Orgel den Stummfilm »Das Phantom der Oper« (1925), 8. Februar, 20:00 Uhr, Philharmonie / Kulturpalast Dresden

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