Entdeckungsreise zu Schostakowitsch

Michael Sanderling und Dresdner Philharmonie erschließen Sinfonien »in der Werkstatt«

Wenn man eine Gesamtaufnahme der Sinfonien eines Komponisten umsetzt, gehören selbstverständlich alle Gattungsbeiträge dazu, sonst wäre es ja keine »Gesamtaufnahme«. Das bedeutet im Einzelfall, daß selten und seltenst gehörte Werke aufgeführt und eingespielt werden, sei es, weil sie weniger stark sind, sei es, weil sie mit einem Anlaß, einer Botschaft oder Funktion verbunden sind.

Letzteres trifft wohl auf die zweite und dritte Sinfonie Dmitri Schostakowitschs zu, welche nicht nur »An den Oktober« und den »1. Mai« gerichtet sind, sie sagen dies auch deutlich in Chortexten. Nicht nur Huldigungsrufe wie »Oh, Lenin!« (zweite Sinfonie), ganze Passagen gibt es, die einem Kniefall, einer agitatorisch angestoßenen Jubelszene anzugehören scheinen und uns heute (gerade im Hinblick auf die Vergangenheit vor 1989) unangenehm berühren können. Allerdings sollte dies kein Grund sein, sich mit Werken nicht zu befassen. Gerade im Zusammenhang mit solchen Projekten lohnt es, manches zu hinterfragen oder einfach hinzuhören, es zu erleben. Schließlich erwartet niemand, daß die Botschaft der Texte heute noch jubelnd angenommen wird.

Gerade das hebt das Schostakowitsch-Projekt der Philharmonie über manche Gesamteinspielung hinaus: es geht nicht nur um eine zyklische Aufführung, auch die Person des Komponisten steht im Mittelpunkt. Und zu dessen Leben gehört nun einmal die so schöpferische wie barbarisch katastrophale Phase der 1920er Jahre. Als junger Musiker hatte Dmitri Schostakowitsch sein Geld unter anderem damit verdient, in Kinos die Begleitmusik für Stummfilme zu spielen. Mit analytischen Verständnis und nicht zuletzt einem Sinn für die Ordnung »der Dinge« dürfte er hier nicht nur viel über die Verbindung von Musik und Bildern und deren Wirkung erfahren haben, es hat wohl ebenso seinen eigenen Schaffensprozeß wesentlich beeinflußt.

Solches näherzubringen, war die Konzerteinführung kurzerhand in den Großen Saal verlegt worden, statt sie nur – wie sonst – als Angebot für Interessierte in der Bibliothek stattfinden zu lassen. Löblich, ging es doch immerhin nicht um eine Vertiefung in Beethovens dritte Sinfonie, sondern um zwei Werke, die kaum jemand zuvor gehört haben konnte.

Solcherart vorbereitet, hatte man alle Sinne frei zur Erkundung und Entdeckung. Daß die Philharmonie und der MDR-Rundfunkchor hier in Alltagskleidung auftraten, weil es sich nicht um ein reguläres, sondern um ein »Werkstattkonzert« handelte, wurde so innerhalb kurzer Zeit nebensächlich.

Obwohl beide Sinfonien in der Anlage Gemeinsamkeiten aufweisen – sie sind jeweils in einem mehrteiligen Satz angelegt und münden in ein Chorfinale – handelt es sich doch um höchst unterschiedliche Werke. Ganz unbestimmt schien zunächst die zweite Sinfonie, die mit dumpf grummelnden Bässen beginnt – ein Klang, als käme er hinter der Bühne hervor. Über weite Strecken erhebt sich anschließend das Werk, wacht auf, gibt einen Blick (ja, sie ist bildhaft, diese Sinfonie) frei auf eine weite, fahl schimmernde Öde.

Mit dem Erwachen treten nun viele Soli hervor, die immer prägnanter werden. Die Konzertmeistervioline (Ralf-Carsten Brömsel) rahmt den abwechslungsreichen Teil, bevor der Chor emphatisch den Text anstimmt. Großartig auch (ebenso in der dritten Sinfonie) die Blechbläser!

Die dritte Sinfonie mit der beginnenden Klarinette ist vollkommen verschieden davon, verläuft drängend, fröhlich, mitreißend. Die Streicher entwickelten eine suggestive Melodiösität, der Chor (Einstudierung: Pavel Brochin) trat noch mehr als zuvor als Massenchor auf, gleichwohl beeindruckend homogen und verständlich. Sehr schön, wie Michael Sanderling die Balance von Chor und Orchester wahrte. In der Feinteiligkeit des Orchesterparts zeigte sich, wie akkurat und mit wie viel Bedacht das Werk vorbereitet worden war. So ergab sich eine große Spannung – Stille und Bravo-Rufe nach dem Verklingen der letzten Takte.

Zwischen die beiden Sinfonien, die zusammen weniger als eine Stunde Musik waren, gehörte eine Lesung zum Programm. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen mit Musik und Texten, die man lieber im Schauspielhaus erlebt hätte, paßte »Der Lärm der Zeit« von Julian Barnes ganz hervorragend in diesen Saal. Lukas Rüppel vom Staatsschauspiel Dresden las Passagen daraus, über eine Zeit, in der auch Komponisten nach ihrer Produktionsleistung bewertet wurden, das Geräuschhafte Eingang in die Musik fand, über den ordnungsliebenden Menschen Dmitri Schostakowitsch und sein Verfahren, zwei Uhren zu synchronisieren. Der Roman ist weltweit (auch von Musikwissenschaftlern) positiv aufgenommen worden, selbst wenn er natürlich die Farbe der Ausschmückung trägt, welche Lukas Rüppel nutzte, mit kleinen unterhaltsamen Albernheiten auflockerte. Das machte allerdings trotzdem deutlich, daß Barnes‘ Roman weniger original ist als die Sinfonien. Diese waren ein Erlebnis – wohl ein einmaliges.

18. Januar 2019, Wolfram Quellmalz

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