Endorphine zum Jahresbeginn

Collegium 1704 mit einem reinen Vivaldi-Programm

Nein, von den Besuchern in der Annenkirche hat sicher niemand geglaubt, Antonio Vivaldi habe nur die »Vier Jahreszeiten« geschrieben. Und nicht nur das – der oft nur für Konzerte berühmte Komponist (was so falsch nicht ist, immerhin hat Vivaldi die heute gängige Form des Instrumentalkonzertes wesentlich geprägt) war schon oft in den Programmen des Collegiums dabei, wohlgemerkt mit Stücken für Chor und Solisten. Auch sein Magnificat hatte 2012 bereits einmal zu einem Abend mit Psalmvertonungen, überwiegend von Jan Dismas Zelenka, gehört.

Zum Beginn des neuen Jahres gestalteten Václav Luks und seine Musiker einen Vesper-Abend. Vier der Werke standen erstmals auf dem Programm und enthielten manche Besonderheit, wie die Fassung in einer Überarbeitung durch den Autor selbst oder weil sie nur in einer Prager Abschrift erhalten sind (Dixit Dominus RV 595). Während unsere Vespern (zuletzt erlebt mit dem Kreuzchor am Silvestertag, unser Bericht finden Sie hier: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2018/12/31/jahresabschluss-mit-dem-kreuzchor/) oft eher beruhigt und kontemplativ angelegt sind, müssen sie zu Vivaldis Zeiten (und mit der damals und dort üblichen Liturgie) sehr festlich gewesen sein. Verblüffend ist, welche Rhetorik den Stücken innewohnt, ohne daß sie dabei überladen oder opernhaft wirken. Vivaldi ist es glänzend gelungen, die Botschaft der Psalmen zu betonen, einzelne Zeilen oder Worte hervorzuheben. Noch im abschließenden »Amen« reicht die Ausdruckskraft von Verinnerlichung (Dixit Dominus) bis zu feierlichem Jubel (Confitebor tibi, Domine RV 596).

Doch liegt gerade in der Aufführung und ganz besonders bei Vivaldi eine ungeheure Kraft – der Authentizität, der Wahrhaftigkeit, der Musikantität. Sonst wird selbst er schnell süßlich – dann können auch Frühling, Sommer Herbst und Winter kaum verführen. Beim Collegium 1704 besteht diese Gefahr jedoch nicht, im Gegenteil. Kann man Antonio Vivaldis Psalmvertonungen irgendwo auf der Welt lebendiger erleben als hier, in der Dresdner Annenkirche? (In Venedig? Gibt es das dort?)

Schon das knappe Domine ad adiuvandum RV 593 mit seinem in Chor und Orchester festgelegten Gegenüber der Gruppen brachte dieses Leuchten hervor, das man nur von diesem Chor kennt. Er findet sich immer neu und besteht letztlich aus sechzehn (oder ein wenig mehr) Sängern, die alle Solisten sind. Am Neujahrstag konnte man vier ganz unterschiedliche Sopranistinnen erleben: Helena Hozová, die noch aus tieferen Lagen Wärme schöpfte, die samtige Stimme Kamila Zbořilovás, die emphatisch glühende Petra Havránková und Stanislava Mihalcová, die der glockenhellen Stimme ein wenig mehr Süße beimischte. Die Altistinnen Kamila Mazalová und Aneta Petrasová sind schon manches Mal beim Collegium gewesen und begeisterten mit der Tragfähigkeit ihrer Stimmen, auch wenn sie (Aneta Petrasová) immer wieder a-capella auftreten.

Kaum weniger betörend waren die Männerstimmen, der seidenweiche Tenor Samir Bouadjadjas und der markige Baß von Roman Hoza, sie hatten an diesem Abend einfach nur weniger Soloeinsätze.

Václav Luks zündete erneut ein Feuerwerk purer musikalischer Freude. Doch gerade darin, daß es kein oberflächlicher Spaß ist, liegt der tiefere Erlebniswert dieser Konzerte – Luks versteht es, den Fokus der Worte zu wahren, den Affekt der Absicht folgen zu lassen und nicht im Sprühfeuer zu verglühen. Feine Akzente und sehr verinnerlichte Momente gab es trotzdem, wie in den (teilweise »dunklen«) Terzetten von Aneta Petrasová, Samir Bouadjadja und Roman Hoza (im Dixit Dominus) bzw. Kamila Mazalová, Samir Bouadjadja und Roman Hoza (Confitebor tibi, Domine) sowie mit Petra Havránková Samir Bouadjadja und Roman Hoza (Magnificat).

Dann wäre da noch dieses fabelhafte Orchester, das nicht nur mit Tutti trägt und mit Doppelchörigkeit Effekte beschwört, es kann auch singen, im Duett oder begleitend. Und wenn Katharina Andres (Oboe) und Hans-Martin Rux (Trompete) für besondere Glanzpunkte sorgten, kann man noch in der Baß-Gruppe und bei Jan Krejča (Theorbe) oder Pablo Kornfeld (Orgel) dieses Singen, Tragen und wohlgesetzte Akzentuieren wiederfinden – fabelhaft!

2. Januar 2019, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Reihe: Serenaden von Wolfgang Amadé Mozart und Antonin Dvořák, 8. Februar, 19:30 Uhr, Annenkirche Dresden

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