Statt eines Adventskalenders:

Mauricio Botero »Don Ottos wunderbarer Plattenladen«

Otto Roldán ist der Besitzer eines Plattenladens in Bogotá, ein Musikliebhaber, -forscher, ein Philosoph und Lebensweiser. Er kennt nicht nur Werke und Komponisten, er kennt die jeweils besten Aufnahmen, die er seinen Kunden empfehlen kann. Dabei tauchen viele ehrwürdige Namen auf – Alicia de Larrocha, Alfredo Kraus, Alfred Brendel, ebenso viele berühmte Persönlichkeiten (oder vermeintlich berühmte), ehemalige oder deren Verwandte kommen in seinen Laden, auch der Autor selbst, Mauricio Botero, bekommt einen Auftritt.

Vielleicht war ich eingeschlafen, ohne die ewigen Wächter anzurufen, jedenfalls träumte ich, ich hätte eine monströse Zahl zwischen zwei und drei entdeckt. Eine Zahl, die alle Träume zerschlug, jede Rechnung unmöglich machte und das gesamte Universum durcheinanderwarf.

Immer läuft eine bestimmte Musik im Plattenladen, mittlerweile natürlich von CD, die letzten Vinylplatten werden bald weggeräumt (in ein paar Jahren wird es sie auch in Bogotá vermutlich wieder geben, für Liebhaber), genauso gegenwärtig sind aber Worte, Philosophen oder Dichter wie Robert Frost, Otto und Leon de Greiff (Haeusler).

Sie lachten, und beide hakten sich folgerichtig im Fortgehen bei dem lebenslustigen Geist Vivaldis unter, der ihnen harmonisch über die sich in Nichts auflösenden Miniröcke strich.

Und immer gibt es Kaffee, sanften, besänftigenden, wenn es nötig ist, gekocht und serviert von der aufmerksamen, beflissenen, diskreten, weisen Adela, der alten Junggesellin mit sanftem Wesen – Don Ottos Assistentin und Vertretung. Gualillo-Kaffee aus Santander, Kaffee aus Medellín (betörend sanft »wie eine Sonate von Franck«), aus Tolima (mit Rohrzucker), von den exotischen Berghängen Anioquias (der den von anderen Speisen abgestumpften Geist erfrischt), Kaffee aus Huila. Und wenn es kalt ist und regnet, serviert Don Otto Zimtpunsch.

Wer es für nötig hält, die Stimme zu erheben, weil er meint, Schlafwandler vor sich zu haben, vergisst, dass es ein Leben nach dem Tod geben könnte, in dem man versucht, sich flüsternd einem erlesenem Publikum, vielleicht auch niemandem mitzuteilen.

»Vivaldi«, »Prokofjew«, »Mozart«, aber auch »Adagio und Lumen«, »Die Klaviersonate Nr. 31« und »Die siebente Symphonie in A-Dur« sind die Themen, zu denen Don Otto seine Gedanken festhält, mitteilt, Sentenzen formuliert – geistreich, witzig und manchmal ziemlich giftig! Wenn Kunden ihm nicht behagen, kann er sarkastisch kommentieren und ist manchmal gar froh, wenn sie etwas nicht kaufen (oder das Geld nicht haben). Dann wieder hilft er einer obdachlos gewordenen Kundin, gibt einem wahren Musikfreund eine Extra-CD mit.

L10 Plattenladen

Der Nachmittag hatte sich vor dem Fenster niedergelassen, um uns dabei zuzusehen, wie wir, ohne es zu merken, die Zeit verstreichen ließen.

Mauricio Botero »Don Ottos wunderbarer Plattenladen«, Roman, aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Unionsverlag, fester Leineneinband mit Farbdruck, 192 Seiten, 18,- €, auch als e-Book (9,99 €)

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