Beethoven und Schubert im Zentrum

Klavierabend mit Grigory Sokolov im Leipziger Gewandhaus

Im allgemeinen hat man Werke zur Beethovenzeit im Dutzend oder im halben Dutzend herausgebracht, aber die elf Bagatellen Opus 119 waren ein Resultat verschiedener Ausgaben und der Verlagsfolge und sollten weniger irritieren – lieber elf Bagatellen als dreizehn Feen könnte man sagen. In seinen Zugaben war Grigory Sokolov erneut ein Muster an Regelmäßigkeit und blieb seinem Maß treu – sechs, exakt sechs sind es immer in seinen Leipziger Konzerten.

Doch zunächst stand Ludwig van Beethovens Klaviersonate C-Dur auf dem Programm, Opus 2 Nr. 3. Sokolovs Zugriff auf das Frühwerk ist unmißverständlich, packend. Stürmend, fast tobend erobert er die Themen. Aber der Pianist ist eben ein Meister seines Faches, der die Sonate nicht in schierer Gewalt zum Tastendonner ausarten läßt. Seine Artikulation bleibt stets frei beweglich und klar, und so kommen feine Nebenthemen ebenso zum Tragen wie Lyrismen. Im Adagio zeichnet er ein Duett mit dramatischer Zuspitzung, ganz als sei der Satz eine einfühlsame Entgegnung auf den stürmischen ersten, so wird der impulsive Einbruch spürbar besänftigt, gerät in der Wiederholung trotz eines mitschwingenden »aber dennoch« bereits milder. Im Scherzo ist die Sonate längst eruptiv befreit, nun fließt und strömt sie, Grigory Sokolov findet darin ein munteres Treiben.

Auch das kennt man aus den Klavierabenden mit dem Tschaikowski-Preisträger: allzugern läßt Grigory Sokolov Werke direkt und ohne Unterbrechung aufeinanderfolgen. In vielen Fällen, Mozart-Sonaten in gleichen Tonarten eben, ergibt sich daraus für den Zuhörer wenn nicht ein tieferer Sinn so doch ein erhöhter Genuß. Vielleicht möchte der Pianist einfach nur ungestört weiterspielen, so zumindest schien es am Sonntag im Gewandhaus, denn die direkte Folge der elf Bagatellen Opus 119 nach der Sonate war musikalisch durchaus nicht zwingend. Hier nun erschlossen sich Miniaturen, kleine Gestalten, Muster, Farben, Kobolde… Wer dem à l’Allemande chopineske Züge zugesteht, fand in der Einleitung des Allegro, ma non troppo (Nr. 7) vielleicht ein wenig Debussy, auf den »ein früher Schumann« (Moderato cantabile) folgte.

Das Spiel mit Arpeggien, die Belebung durch Synkopen sind bei Grigory Sokolov niemals auf technische Präsenz ausgerichtet, sondern dicht in sein Spiel verwoben, gerade dadurch gelingt es ihm aber auch, die Unmittelbarkeit von Feinheiten – scheinbar unauffällig – herauszustreichen.

Mit den zweiten der Impromptus von Franz Schubert (D 935) behielt der Abend nach der Pause den Akzent der Wiener Klassik bei. Eine einen Hauch weiter gedehnte Pause hier ein sanftes Pulsieren da – Sokolov vermag zwischen intimer Poesie und bedrückendem Drama auf vielen Pfaden zu wandeln. Während das eine Impromptu (As-Dur) wie eine Abenderinnerung aufschien, packte das nächste (B-Dur) energisch zu und triumphierte schließlich. Im letzten wiederum zeigte Grigory Sokolov, das ein ebenmäßiger Rhythmus nicht die Langeweile eines Metronoms verkörpert, sondern spannungsprägend eingesetzt werden kann.

Und dann kam der dritte Teil – die Zugaben. Obwohl man hier schon sagen muß, daß das halbe Dutzend auch Kult ist, mancher vielleicht mitzählt, bis er alle »bekommen« hat. Notwendig waren sie in dieser Fülle durchaus nicht, im Gegenteil hätte bereits das erste Encore (Schubert, Nr. 2 Es-Dur Impromptu aus D 899) den Abend beschließen können. Doch mit Jean-Philippe Rameau, Franz Schuberts Ungarischer Melodie und schließlich zwei Étuden Alexander Skrjabins gab es, was das Publikum erwartete, erhoffte.

5. November 2018, Wolfram Quellmalz

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