Die Leichtigkeit der Schwere

Frank Peter Zimmermann und Martin Helmchen mit drei Beethoven-Sonaten in der Semperoper

Irgendwie ist das typisch und paßt zu diesem Solisten: Frank Peter Zimmermann beginnt seine Residenz als »Capell-Virtuos« der Sächsischen Staatskapelle nicht mit einen Paukenschlag, dem Tschaikowski- oder Beethovenkonzert etwa, um später einmal einen Kammerabend »nachzuschieben«, sondern er setzt gerade diesen an den Anfang. Später werden noch Sinfoniekonzerte mit Mendelssohn und Martinů folgen, außerdem wird es einen Abend mit Bach und Mozart geben, bei dem der Geiger auch als Dirigent zu erleben ist.

An den Violinsonaten (anfangs noch Sonaten für Klavier und Violine) Ludwig van Beethovens läßt sich ein Stück Gattungsentwicklung ablesen. Frank Peter Zimmermann und sein Klavierpartner Martin Helmchen hatten am Donnerstagabend daraus die Nummern 8, 9 und 10 aufs Programm gesetzt und spannten mit diesem vermeintlich schmalen Ausschnitt einen unvergleichlichen Kosmos auf.

Der Violinist pflegt einen klaren, schlanken Ton, auch Pianist Martin Helmchen hat man schon oft sehr durchdacht gehört – will heißen: statt übertriebener Emphase begeben sich beide auf Sinnsuche, loten Strukturen aus, schaffen Klarheit. Dabei haben sie sich offenbar »getroffen«, denn das gemeinsame Verständnis war schlicht verblüffend und brauchte nur eine minimale Versicherung der Gegenseitigkeit.

Die Sonate G-Dur (Opus 30, Nr. 3) beginnt ungeheuer behend, schnell, fast flüchtig – doch nur fast. Denn Zimmermann und Helmchen verfielen nicht in eine geschwinde Darbietung, sondern nutzten Tempi und Gegensätze – Kontraste, die der Komponist angelegt hat – um die Sinne zu schärfen und Spannungen zu schaffen. Verblüffend war, wie klar sie dabei jederzeit blieben, so daß man meinte, jeder einzelnen Note nachspüren zu können. In den bedächtigeren Phasen ließ der Violinist die schönsten Kantilenen erklingen, wozu ihn sein Partner akzentuiert begleitete. Übertrüge man dies auf den Herbst, enthielte dieser die wunderbarsten Schattierungen zwischen Gold und Rot sowie den eindrucksvollen Wirbel eines belebenden Sturmes.

Während die erste Sonate von behender Leichtfüßigkeit und belebenden Kontrasten (feiner Bogenstrich und sanfter Klavieranschlag) gekennzeichnet war, zeigte schon Frank Peter Zimmermanns Ausholbewegung an, daß nun etwas besonders folgte: die »Kreutzersonate«. Sein Armschwung schien dabei nicht aufgesetzt, sondern eine logische Konsequenz, ein Vorwärtsdrang, aus der Bewegung folgend und in Musik umgesetzt. »Legato« steht bei Zimmermann nicht einfach für Bindung oder Übergänge, es beinhaltet Artikulation und Phrasierung, darin stand ihm Martin Helmchen kaum nach. Auf diese Weise konnten sie mit den folgenden Variationen schlicht verzücken – viel Begeisterung schon vor der Pause.

Gelöst und versonnen, versöhnlich klang die letzte der Beethoven-Sonaten, heiter, frei, als habe der Komponist Lieder ohne Worte in sie eingeschlossen. Frank Peter Zimmermann ließ diese frei herausströmen. Nach zweimal G-Dur und einmal A-Dur gab es als Dank fürs Publikum das Andante (in D-Dur) aus Johannes Brahms‘ d-Moll-Sonate – gesetzt, bedacht, erdverbunden, inhaltsschwer – voll Leichtigkeit.

2. November 2018, Wolfram Quellmalz

Nächster Treffpunkt: im 6. Sinfoniekonzert (26., 27. und 28. Januar) ist Frank Peter Zimmermann bei der Sächsischen Staatskapelle zu erleben. Gleich darauf gehen sie zusammen auf Gastspielreise nach Wien und durch Deutschland.

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