Eisnebel und Bergesklüfte

Bamberger Symphoniker gastieren mit Werken von Abrahamsen und Bruckner im Dresdner Kulturpalast

Am Donnerstag fanden die »Palastkonzerte« mit internationalen Orchestern ihre Fortsetzung. Die Bamberger Symphoniker waren mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hrůša und der Sopranistin Barbara Hannigan angereist, und auch Komponist Hans Abrahamsen war aus Dänemark nach Dresden gekommen.

Der Liedzyklus »Let me tell you«, in dessen Text Paul Griffith eine Perspektive Shakespeares Ophelia entwickelt, gehört zu den öfter gespielten und auch beliebten zeitgenössischen Kompositionen. Und dies, obwohl er mit etwa einer halben Stunde und dem Anspruch seines Textes, dem man folgen kann (sollte) deutlich über dem Maß der »ungewohnten Entdeckungen« liegt, die sich oft mit fünfzehn bis maximal zwanzig Minuten begnügen. Das liegt ganz wesentlich an der Suggestionskraft, welche die Musik entwickelt, an ihrer elementaren Struktur und den emotionalen Bildern, die sie auslöst. Celesta und Flöten lassen sie zunächst entstehen, gerade der Entwicklung von Passagen und Fragmenten hat Abrahamsen viel Raum gegeben, läßt selten das ganze Orchester aufspielen, sondern die Charaktere einzelner Gruppen sprechen, kombiniert sie. Der Sopranistin bürdet er einen ungeheuren Parcours auf, läßt sie fast deklamatorisch singen, betonte Vokale mit Vibrato anreichern, in Melismatik schwingen. Dann wieder scheint sie nüchterne Betrachterin zu sein, was sie nicht entbindet, emphatische Ausbrüche an die Obergrenze der Stimme vorzutragen.

Barbara Hannigan, Mitinitiatorin und Uraufführungssängerin des Stückes, vollbrachte all dies mit berückender Kultiviertheit und ohne eine bestimmend spürbare Technik. Einfühlsam fand sie in die Rolle Ophelias, die vor allem eine alleingelassene, einsame ist. Abrahamsen und Griffith haben dem Werk in drei Teilen einen Rahmen gegeben, der zunächst die Bedeutung von Erinnerungen und die Musik in den Mittelpunkt stellt, bevor sich Ophelia erst ihrem Erinnern und dann einem »Du« zuwendet. Doch hat »Du« Ophelia erhört?

Hier gab es nicht nur fühlbare Eiseskälte, sondern ein berückend schwebendes Werk, das Pvolrofitieren von einem umsichtigen Dirigenten, der seinerseits auf eine Vielzahl von Solisten (bis hin zu Schlagwerken mit Reiben und Klanghölzern) vertrauen durfte. Das Ergebnis war ein Erlebnis und ganz offenbar sehr im Sinne des Komponisten, der den Musikern herzlich dankte.

Solche Spannung zu halten ist natürlich eine enorme Aufgabe. Mit Anton Bruckners vierter Sinfonie war ein passendes Werk dafür gewählt (auch wenn man sich fragt, weshalb man immer nur die vierte, sechste oder neunte hört – hat Bruckner nicht zehn Sinfonien geschrieben?). Es entstand aus dem Nichts, wohin sich vor der Pause die letzten Töne von Abrahamsen verflüchtigt hatten. Doch schon bald war das Orchester volltönend »da«. Die Bamberger Symphoniker entwickelten eine enorme Präsenz, die Jakub Hrůša in feinen Stufungen gedeihen ließ. Dennoch war die Wucht der Crescendi manchmal groß, neigte zu Härten, Kleinigkeiten schlichen sich bei den Bläsern ein, die von der Präzision abwichen. Doch manche Klanghärte hatte möglicherweise mit dem (für das Orchester) neuen Saal zu tun. Erfahrene Besucher wissen mittlerweile um feine Differenzierungen, welche auch von der Neigung (bzw. Stufung) des Orchesterbodens abhängen kann. Doch das sind »Nörgeleien auf hohem Niveau« – die Bamberger waren schlicht großartig, auch die Violagruppe, die Jakub Hrůša zum Schluß für den Applaus aufstehen ließ. Und ein gerngesehener Gast ist das Orchester allemal. Daher freuen sich auch die Dresdner, wenn ihr neuer Chef ein würdiger Nachfolger von Jonathan Nott ist.

26. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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