Klang aus dem Soundtunnel

Sven Helbig startet Club-Tour in Dresden

Mit Sinfonieorchestern arbeitet der in Eisenhüttenstadt geborene Komponist Sven Helbig oft zusammen. Zu seinen Partnern zählten das MDR Sinfonieorchester und das Deutsche Kammerorchester Berlin, mit denen er seine »Pocket Symphonies« eingespielt hat. Sein großer Sound paßt in große Konzerthallen, so waren Sven Helbig und das Forrklang Quartett im September im Großen Saal der Elbphilharmonie zu Gast. Nun wollen es die Musiker aber noch einmal wissen und starten zur gemeinsamen Tour im Bus durch die Clubs – es ist die erste in dieser Art für Sven Helbig.

Sie begann am Dienstag im Staatsschauspiel / Kleines Haus in Dresden. Im dämmrigen Licht, oft in der Dunkelheit, aber mit viel Sound, spielten die fünf Musiker. Sven Helbig hat Annie Beily (Violine) aus Wien, Dalia Dedinskaite (Viola) aus Vilnius / Manchester, Yeo-rhim Yoon (Violoncello) aus Südkorea / Berlin und François Lambret (Klavier) aus Paris bei seiner Arbeit kennen und schätzen gelernt und sie für sein Quartett ausgewählt. Alle sind sie Weltreisende und offen für die musikalische Grenzüberschreitung.

»Pur« gibt es das Forrklang Quartett allerdings nicht, denn Sven Helbig reichert es bzw. seine Musik mit Klangbeispielen, Sounds und elektronischer Musik an. Dazu spielt er selbst am Synthesizer Glocken oder Schlagwerke, mixt verfremdete oder synthetische Aufnahmen hinzu – Plattenraschen, Tonbandgeräusche, Hammer- oder Herzschläge – oft fragt man sich, ob er da gerade live spielt oder einen Algorithmus auf dem Rechner startet. Auch seine vier Begleiter sind elektronisch verstärkt und spielen teilweise mit Takt- / Pulsgeber im Ohr. Spätestens das kann irritieren: die Musik kommt praktisch immer aus dem Lautsprecher und nie von den Instrumenten, mit einer Ausnahme (in »Bell sound falling like snow« war der Klang des Cellos tatsächlich dort zu hören, wo es gespielt wird). Vor allem aber ist Helbigs Musik enorm laut, neigt zum lärmigen und überfordert, aber vielleicht war das erste der Club-Konzerte noch nicht ausreichend für die kleineren Räume angepaßt.

Mit Stücken wie »Autumn song«, »Eisenhüttenstadt« oder »A tear« knüpfte der Komponist an bekannte Werke an, die er bereits für »Pocket Symphonies« eingespielt hat. Mit »Tres momentos« wechselte er danach zu den neuesten.

Die Vorlage bzw. der Titel vieler Stücke enthalten oft den Puls und Lärm der Metropolen oder einer großen Maschinerie – New York und Eisenhüttenstadt sind hier stellvertretend und tauchen immer wieder auf. Ihr Sound wächst und erdrückt fast, und wenn Helbig einen Schuß bzw. eine Detonation (»Tres momentos«) »einbaut«, ist auch die Soundanlage an ihrer Grenze. Die kleineren, leiseren Themen (»A tear«, »Schlaflied«) wirken dagegen zwar hübsch, doch mehr sind sie nicht. Ihnen fehlt eine Vertiefung oder die Kraft der Ruhe.

Viele der Kompositionen passen zu Bildern, manche scheinen danach zu verlangen. Im Kleinen Haus kamen sie aber auch ohne gut an – mit »Sing for the moment« verabschiedeten sich Sven Helbig und das Forrklang Quartett vom Publikum.

17. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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