Schumanns zweiter Frühling

Staatskapelle und Christian Thielemann mit erstem Teil des zweiten Sinfoniekonzertes

Manchen hat das Konzertzimmer in seiner größten Ausbaustufe bis weit in die Bühnentiefe vielleicht überrascht, doch der Grund dafür lag auf der Hand und klang in den Ohren: Christian Thielemann gönnte den Bläsern eine große Hellsichtigkeit, ohne sie ihres sinfonischen Zusammenhanges zu berauben. Diese Lichte, diese Weite durchzog beide Sinfonien des Sonntagvormittags.

Mit den Opus 38 und 61 begann am Wochenende das zweite Sinfoniekonzert, das schon am Mittwoch und Donnerstag mit den Werknummern 97 und 120 den Gesamtzyklus der Schumann’schen Sinfonien abschließen wird. Was mit einem hellen Strahlen der Blechbläser begann, mit dem sanften Licht der Zuwendung und der Aufgeschlossenheit, endete auch gute 100 Minuten später im Licht.

Daß schon die erste, die »Frühlingssinfonie« (B-Dur) so leuchtete, fand in der Akustik sicher eine Entsprechung, der Grund lag jedoch in der zugewandten Musizierweise, die solcherlei Verquickungen offenlegte, helle Violinen von dunklem Blech durchströmen und die »feurige Stunde« (Schumann) mit kurzen Bogenstrichen auflodern ließ. Solcherlei Effekte verlangen nach einer Struktur – Christian Thielemann gab sie mit straffen Tempi vor, aber auch mit dem genüßlichen Auskosten der ruhigen Passagen noch vor dem Larghetto. Dieses erhob sich nach dem Feuer des Anfangssatzes noch unter einem sacht dämpfenden Schleier, den die Staatskapelle jedoch bald wegriß – Klarheit, nicht Weichzeichnerei hieß die Devise. Aufhorchen ließen nicht nur zahlreiche feinste Bläsersoli, sondern die Bezüge wie zwischen Solocello (Norbert Anger) und zweiten Violinen (einen Kunstgriff, den Schumann in C-Dur ebenso wirkungsvoll einsetzte).

Die Wechselhaftigkeit des Lebens hat Schumann wohl eingefangen und das Scherzo nicht nur attacca aus dem Larghetto abgeleitet, sondern ihm einen ambivalenten Gestus eingepflanzt. Christian Thielemann fand darin charmant-herbe Farben ebenso wie herzhaft wiegenden Rhythmus. Auf das leicht larmoyante Thema der ersten Violinen im Schlußsatz wiederum antworteten die Holzbläser mit Keckheit, bevor die zweiten Violinen übernahmen.

Man mag Schumann, vor allem in der zweiten Sinfonie (C-Dur) vorgeworfen haben, es mit den Bezügen und verwobenen Zitaten zu übertreiben – indes, heute wissen wir es besser. Eine Sinfonie ist schließlich kein Krimi, bei dem jedes Detail enträtselt werden muß. Die Fülle Schumanns Ideen und poetischer Verwebungen indes bereitet nach wie vor Vergnügen und kann noch beim zwanzigsten Anhören Neues zutage fördern. Und auch bei den Musikern sah man hier und da ein Lächeln – wohl nicht nur Freude an der Musik an sich, sondern ob des beglückenden Gelingens.

Bei aller Weite, allem Licht begeisterte, daß dieser Schumann nicht laut tönte oder »in die Breite« ging, sein Klang blieb schlank, immer wieder schenkte ihm Christian Thielemann die Schwebung des Verharrens, wie im Sostenuto assai der C-Dur-Sinfonie, um hernach um so fröhlicher daraus hervorzubrechen – einen Anfangs-, keinen Endpunkt zu setzen.

Den Endpunkt erreicht die Kapelle also am Mittwoch – es dürfte nur ein vorläufiger sein, auch in Sachen Schumann.

14. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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