Nicht nur Krieg, auch Schutzengel

Heinrich Schütz Musikfest im Dresdner Schloß

Nachdem viele der bisherigen Veranstaltungen bereits Themen um die Kriege (Dreißigjähriger Krieg, Erster Weltkrieg) aufgegriffen und damit erneut direkte Bezüge zu Heinrich Schütz geschaffen und Brücken in unsere Zeit geschlagen hatten, fand am Mittwochabend im überdachten Schloßhof des Residenzschlosses Dresden ein Friedenskonzert statt – man kann den Jahrgangstitel des Musikfestes, »Verley uns frieden«, wohl kaum besser ausdrücken.

VOCES8, ein junges englisches Vokaloktett, begeisterte mit seinen klaren, tragenden Stimmen in ganz unterschiedlichen Anbetungen, Friedensrufen und Gebeten. Begleitet oder umschlungen wurden sie von der Violinistin Rachel Podger, welche das Programm gemeinsam mit den Sängern erarbeitet hatte. Ihr oblag es, zwischen manchen Liedern kurze Soli vorzutragen wie einzelne Sätze aus Bachs Partita in a-Moll (BWV 1013, ursprünglich wahrscheinlich für Flöte) in einer eigenen Transkription. Mit ihrer klaren, sauberen und emotionalen Stimme hob Podger ihr Instrument auf die Ebene des gesungenen Wortes. Verzücken konnte auch ihre Virtuosität, wie in der Passacaglia aus »Der Schutzengel«, einer der Rosenkranzsonaten Heinrich Ignaz Franz Bibers. In vielen der Stücke spielte Rachel Podger kurze Ein- und Überleitungen, wie in Orlando Gibbons »Drop, drop, slow tears«, mit dem der Abend begann. VOCES8 hatte sich dazu im hinteren Bereich des Hofes bzw. Saales aufgestellt und sorgte für einen betörenden, den ganzen Raum durchflutenden Klang. Etwa die Hälfte des Programms blieben die Sänger im Rücken des Auditoriums und gruppierten sich dort jeweils nach Stimmverteilung.

Heinrich Schütz und seine Zeitgenossen (Thomas Tomkins), Nachfolger (Nicola Matteis) sowie sein Vorgänger und Lehrer Giovanni Gabrieli, den der spätere Dresdner Kapellmeister 1609 bis 1612 in Venedig besucht hatte, gehörten die meisten Programmpunkte. Engelsverkündungen oder ein Vaterunser durften da nicht fehlen, ebensowenig Felix Mendelssohns »Denn er hat seinen Engeln befohlen«, einer von zwei »Ausflügen« in die Romantik (neben Sergei Rachmaninows »Freue dich, Jungfrau…«). Zeitgenössische Kompositionen standen ebenfalls auf dem Programm, von Jonathan Dove das raffinierte »The Three Kings«, in dem sich Sing- und Violinstimmen verbinden, sowie »Antiphon to the Angels« von Owain Park, einem Auftragswerk von VOCES8 und Rachel Podger. Dabei handelt es sich um die Vertonung eines Textes von Hildegard von Bingen, welcher (auf englisch) von einem Choral (Latein) gerahmt alte und neue / gegenwärtige Zeit zusammenfaßt.

»Himmelsmusik«, wie mag sie klingen? Eigentlich mag man und sie sich nach diesem Abend nicht anders vorstellen als so, wie VOCES8 sie darbietet. Mit klarem, schlanken Ton können die acht zu einem ergreifenden, den ganzen Raum erfassenden, aber nie zu mächtigen Tob anschwellen, gleichzeitig gestattet ihnen diese Schlankheit eine ganz individuelle Stimmentfaltung, so daß man, egal ob sie zu viert, zu sechst oder zu acht singen, jeden einzelnen von ihnen zu identifizieren vermag. In Hieronymus Praetorius‘ »Angelus ad Pastores ait« (Der Engel sprach zu den Hirten) steigerten sich die Sänger zweimal in den Jubel des Alleluia. Nachdem Dorothee Mields und die Lautten Compagney am Sonntag (NMB berichteten) ein durchdachtes und auf den Geist zielendes Programm präsentiert hatten, ging dieses hier ganz unmittelbar zu Herzen.

Wie schade nur, daß die Heinrich Schütz Kapelle – wo sonst hätte man dies hören wollen?! – derzeit nicht verfügbar ist. Neben dem Rauschen der Klimaanlage wirkte vor allem das zwischen lila, gelb und rot (!) changierende Farblicht sehr störend – so etwas haben Künstler und Musikfest doch nicht nötig!!!

Mit einem »Ave Maria« verabschiedeten sich VOCES8 vom Publikum – hoffentlich kommen sie wieder!

11. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

Einen Eindruck der Konzerte können Sie in Videos auf den Internetseiten von Vocalensemble und Komponist wiederfinden. Countertenor Barnaby Smith kündigte auch einen Ausschnitt des Dresdner Auftrittes an, der in Kürze verfügbar sein sollte.

http://www.voces8.com

http://www.owainpark.co.uk/a-guardian-angel/

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