Beethoven und Schostakowitsch – gedankenreich und vielschichtig

Christian Tetzlaff eröffnet seine Residenz bei der Dresdner Philharmonie

Diesen Auftritt am Wochenende im Kulturpalast durfte man mit Spannung erwarten: die Interpretationen Christian Tetzlaffs gehören zu den durchdachtesten, am tiefsten ausgeloteten, Michael Sanderling wiederum ist für seine akribische Detailarbeit bekannt – der Treffpunkt beider in Ludwig van Beethovens Opus 61 versprach bereits im vorhinein viel.

Zunächst waren es die subtilen Färbungen in Ludwig van Beethovens Violinkonzert (in deutscher Sitzordnung des Orchesters), welche schon das Anfangsthema über ein allein bedrohliches Pochen hinaushoben. Solist Christian Tetzlaff fügte dem einen betörend lyrischen Ton hinzu, der nichts missen ließ, weder Kraft noch Energie, selbst wenn er leicht und fast zart wurde. Die große Klarheit der Violinstimme behielt die Wärme des Ausdrucks und schien vor Leichtigkeit zu schweben. Aber das nicht allein, denn der Komponist hatte den Solopart sehr sinfonisch angelegt und nicht nur dicht mit dem Orchestermaterial verwoben, sondern immer wieder für Akzente gesorgt.

Die Philharmonie hat ihre Fähigkeit, sich auf einen individuellen Solisten einzustellen, in den Jahren unter Michael Sanderling enorm weiterentwickelt. So ergaben sich immer wieder beglückende Momente, etwa, wenn die Holzbläser im Allegro ma non troppo auf den Solisten antworteten, wenn die Fagotte ihm in der zweiten Stimme folgten oder als Pizzicati im Larghetto hauchzart die Solovioline begleiteten. Christian Tetzlaff legte die feinen Verästelungen seiner Stimme reichhaltig und mit Frische offen. Für die Kadenzen hatte er Beethovens Originale gewählt – jene aus der Klavierfassung des Werkes. Und sie erwiesen sich als sinnig: kontrastreich, ohne allein »entgegengesetzt« zu sein, eröffnete die erste eine melodische Fülle und faßte den Satz (unterstützt von der Pauke) noch einmal zusammen. Dieser Beethoven hatte weit mehr als einen revolutionären Impetus! Kaum weniger gedankenvoll, mit Bedachtheit, spielte Christian Tetzlaff die Zugabe, das Andante aus Johann Sebastian Bachs a-Moll-Sonate (BWV 1003). Auch Pausen gehören bei ihm zu den Gestaltungsmitteln.

Für Dmitri Schostakowitschs neunte Sinfonie nahm das Orchester in etwas größerer Aufstellung und amerikanischer Sitzordnung Platz auf der Bühne. Anders als Beethoven, welcher noch Themen gegenüberstellte, eröffnete Schostakowitsch neue Klangräume sowie Subtilität pur. So die Flöten, welche den Beginn anfachen, aber statt purer Fröhlichkeit stechende Schärfe entwickelten, eine Posaune, die martialische Kraft besaß, im zweiten Satz gar begannen die Farben fahl zu schimmern.

Und mitten drin schien immer wieder jemand die heile Welt zu besingen oder zu verkünden (Konzertmeisterin Heike Janicke) – war dies nun Wunsch oder Propaganda? Schostakowitsch hat in seinen Werken viele Finten gelegt, die zu entschlüsseln es unterschiedliche Wege gibt. Jener der Philharmonie schien an diesem Wochenende authentisch, denn er legte das Fragwürdige und Unstete offen. Auf das aufmunternde Presto, welches Michael Sanderling verbindlich anschwellen ließ, folgte ein sachtes Abgleiten (großartig, wie Fagott und Streicher dies woben!) ins Largo mit direkter Überleitung. Fast schien es, als habe der Komponist das von ihm erwartete Werk verweigert. Und so überraschte auch der Schluß – ja, war es das?

7. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

Das Konzert wurde im Rahmen der Gesamteinspielung der Philharmonie aller Sinfonien von Ludwig van Beethoven und Dmitri Schostakowitsch aufgezeichnet. Gerade erschienen: Dresdner Philharmonie / Michael Sanderling: Ludwig van Beethoven (Sinfonie Nr. 9) und Dmitri Schostakowitsch (Sinfonie Nr. 13, »Babi jar«), Sony

Dresdner9_13 Tetzlaff Bach

Christian Tetzlaff: Johann Sebastian Bach, Sonaten und Partiten für Violine solo (Ondine)

 

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