Grenzüberschreitende Friedensboten

Heinrich Schütz Musikfest mit Dorothee Mields und der Lautten Compagney Berlin eröffnet

Den »Auftakt« hatte es schon am Mittwoch in der St. Salvatorkirche Gera mit dem Konzertchor des Goethe-Gymnasiums / Rutheneum gegeben, am Wochenende folgten die Eröffnungskonzerte »Wenn ick mal tot bin« in Weißenfels (St. Marienkirche, Freitag), Bad Köstritz (Kirche St. Leonhard, Sonnabend) und Dresden (Annenkirche, Sonntag). Im Mittelpunkt stand die diesjährige Residenzkünstlerin Dorothee Mields, die gemeinsam mit ihrem langjährigen musikalischen Partner Wolfgang Katschner und dessen Lautten Compagney Berlin das Programm »War & Peace 1618:1918« erarbeitet hatte.

Vor dem Konzert gab es die Gelegenheit, die Sopranistin im Gespräch zu erleben und mehr zur Entstehung von Aufnahme und Konzert zu erfahren. Denn der Brückenschlag sollte nicht nur einseitig in die Vergangenheit erfolgen, zu Heinrich Schütz, dessen Leben vom Dreißigjährigen Krieg geprägt war, sondern vergegenwärtigen, daß auch das Jahr 1918 mit mehr als dem Ende des ersten Weltkrieges belegt ist – Historiker haben den Begriff des Zweiten Dreißigjährigen Krieges geprägt, der die Zeit vom Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie die Zwischenzeit umspannt. Schon Heinrich Schütz beschrieb zwar einerseits »den freyen Künste widrige Zeiten […] vnd in den Koth getretenen Künste«1, fixierte aber gleichzeitig mit seinen Kompositionen einen einmaligen musikalischen Höhepunkt. Vor knapp einhundert Jahren waren es Künstler wie Friedrich Holländer (eines seiner Lieder gab den Titel für das Konzert) und Hanns Eisler, die freche Texte vertonten und damit einen ironischen, dekadenten Trotz zum Ausdruck brachten. Gleichwohl verlangen ihre Kompositionen einen anderen »Umgang«, eine andere Freiheit und können (Pardon!) »dreckig« gesungen werden. Will heißen, Blandine Ebinger, Chansonnière und Ehefrau Friedrich Holländers, hat nicht unbedingt jeden Ton »getroffen«. Für Dorothee Mields, die ausgewiesene Barockspezialistin, lag genau hierin eine Herausforderung, die andere im singenden Sprechen bzw. sprechenden Singen.

Und auch für das Publikum in der Annenkirche dürfte die »Hungerkünstlerin« als erstes Lied nicht zuletzt gewöhnungsbedürftig gewesen sein, hat man doch einerseits alte Interpretationen (etwa Marlene Dietrich) im Kopf (wovon man sich lösen sollte), andererseits bringt man solche Lieder eher mit Varieté und Revue, also einem lauten Publikum, in Verbindung und nicht mit den stillen Konzertbesuchern in einer Kirche. Aber wie sich zeigen sollte, gelang der Spagat durchaus. Nach Holländers freizügiger Melodie à la »Du fröhlicher Augustin« umfaßte Heinrich Schütz‘ »Erbarm dich mein« gleich danach all die Einsamkeit und Kälte der damaligen (Schütz‘) Situation.

Natürlich waren es die himmlischen Kompositionen Heinrich Schütz‘ und Samuel Scheidts, die am meisten beglücken konnten, aber dazwischen war zum Beispiel noch ein Vorfahr zu entdecken: Heinrich Isaac (um 1450 bis 1517) hat lange zuvor gelebt. Sein »Die Herrlichkeit auf Erden« mit der Schlußzeile »Der Erden sagen gute Nacht« entließ als Wiederholung das Publikum später aus dem Konzertabend.

Als ungeheuer reizvoll erwiesen sich die modernen Lieder, da sie doch mehrfach Bezüge schafften, Analogien offenlegten – nur der gesellschaftliche Umgang mit den Umständen änderte sich offenbar. Im Zwanzigsten Jahrhundert war man frecher, respektloser, wohl auch, um in den Krisenzeiten mehr vom Leben erhaschen zu können.

Mehr und mehr fand sich Dorothee Mields in die ungewohnte Rolle (oder fand sich der Zuhörer in ihren Programmausflug) – stimmig nicht zuletzt aufgrund der wunderbaren Lautten Compagney, die, ihr stets zugewandt, ganz für ihren Gesang musizierte. Erstaunlich und hörenswert, wenn nicht -notwendig, schienen gerade die Lieder Hanns Eislers, die nichts von ihrer Modernität, ihrer Aussagekraft und ihrem Reiz verloren haben. (Und wie passend, daß man auf der gegenüberliegenden Seite zu Friedrich Holländers Currende-Text die Ankündigung fürs Kurt Weill Fest, Dessau, 1. bis 17. März 2019, fand.)

Nicht vergessen werden darf Arrangeur Bo Wiget (der anwesend war), dessen geniale Bearbeitungen spätestens dann verblüfften, wenn man entschlüsselte (oder nachsah), daß die instrumentalen Stücke einem deshalb so bekannt vorkamen, weil sie nichts anderes waren als Gnossiennes oder Gymnopédies Erik Saties – jetzt eben für zwölf Musiker. Mit Samuel Scheidts Paduan Cantus V war die Lautten Compagney kaum weniger lustvoll. Zwischen innigem Consort und impulsivem Musikantenstück können diese Musiker offenbar alles spielen, während Dorothee Mields auf Grotesken betörende Hymnen folgen ließ.

8. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

nächste Veranstaltungen, auch für heute, finden Sie unter: www.schuetz-musikfest.de/

1 Zitat aus der Vorrede zur Druckausgabe der Kleinen geistlichen Konzerte (SWV 323). Der gesamte Text ist unter anderem im Werkverzeichnis auf der Internetseite des Heinrich-Schütz-Hauses Bad Köstritz (www.heinrich-schuetz-haus.de) zu finden.

Mields Lautten Compagney

erscheint am 19. Oktober: »War & Peace 1618:1918«, Dorothee Mields, Sopran, lautten compagney BERLIN, Wolfgang Katschner (Leitung), Musik von Friedrich Hollaender, Hanns Eisler, Heinrich Schütz, Samuel Scheidt u. a., Deutsche Harmonia Mundi

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