Albtraum und Idylle

Dresdner Philharmonie beginnt neues Musik-und-Literatur-Format

Nicht nur zwischen Lyrik und Liedern, Erzählungen und Konzertstücken oder Briefen und Sonaten lassen sich Verbindungen nachweisen. Dichter, Dramatiker und Komponisten haben sich oft gegenseitig angeregt und inspiriert. Daher sind Abende mit Musik und Lesung naheliegend und für uns nicht mehr selten. Für den Auftakt der neuen Reihe, die verstärkt Gäste berücksichtigen wird, waren keine geringeren als Ulrich Matthes und die Musiker der Scharoun Ensembles Berlin eingeladen – ein Zeichen, daß die Philharmonie ernst meint mit den literarisch-musikalischen Abenden.

Allein schon für Jörg Widmanns geniale »Fieberphantasie« hatte es gelohnt, in den Kulturpalast zu kommen. Abwegig, frech, selbstironisch und phantasievoll ist das Werk, führt in Tiefen – Abgründe – und spielt mit Höreindrücken und Geräuschen. Nur selten dürfen Streicher, Klarinette oder Klavier »normal« klingen, meist sind sie verfremdet und verzerrt – eben so, wie man Geräusche oder Musik im Fieber wahrnimmt. In diesem Nachspüren und Ausloten zeigte sich die Klasse des Ensembles, das mit Feingefühl fürs Detail die einzelnen Partikel herausarbeitete.

Es war nicht das einzige Stück, das Bilder zu evozieren imstande war. Das Aufglimmen von Sternen am Nachthimmel oder Wassertropfen, die in Laub fallen – nicht Tau, wie anfänglich vermutet konnte es sein, vielmehr war es erfrischender, eiskalter Regen, der plötzlich einsetzte.

Erfrischend und Eiskalt, Idylle und Abgrund – es war ein Abend der Gegensetze. Erfüllung und Verlust liegen eben oft so dicht beieinander wie Sinn und Wahnsinn oder Liebe und Haß. Ulrich Matthes ist ein Sprecher, der mit geringsten Mittel die Gefühle hinter den Texten offenbart. Ob Clemens Brentanos melancholisches  »Hör‘, es klagt die Flöte wieder«, Joseph von Eichendorffs sehnsuchtsvolle »Mondnacht« oder Bertolt Brechts lakonisch-gedankenschweren Texte – Matthes verlieh ihnen eine Stimme, die Stimme des Kopfes, des Intellektes, der auf die Reflexion zielt und auf die Übertriebenheit einer Emphase oder erzählerischen Eifer verzichten kann. In Wolfgang Herrndorfs »Bilder einer großen Liebe«, welches Widmanns »Fiederphantasie« vorausging, beschleunigte er den Text mit der Eile dessen, der flieht, der strebt, dem die (Lebens-)Zeit davonläuft. Mit einem plötzlichen (kurzen) Innehalten, einer Verlangsamung, einem Zurückblicken, stellte er das Dramatische des Moments heraus.

Da störte nur eines – das Mikrophon. Die Texte, Briefe, kamen doch meist vom »ich« und richteten sich an ein »du« – so ergab sich eine intime Nähe, die sich nicht recht einnisten wollte im Kulturpalast. So schön der neue Saal für die Konzerte ist, für dieses Format (mit zahlreichem Publikum) wünschte man sich lieber ins Schauspielhaus.

Das Scharoun Ensemble fand in den sinnig ergänzten Gegenstücken zu den Texten den treffenden Ausdruck, wenngleich auch bei ihnen hier und da die Intimität fehlte, was aber wohl zu einem guten Teil ebenfalls dem Ort zuzuschreiben ist – der Kulturpalast ist eben kein Kammermusiksaal. Seine unbestrittenen Qualitäten wußten die Musiker allerdings zu nutzen, wie im »Prélude à l’après-midi d’un faune«, das sich um eine zarte Flötenstimme entsponn, erwachend aufleuchtete und plötzlich fragend verharrte – die Rückung kleiner Pausen sorgte auch hier für dramatische Effekte. Mit Kafka / Hindemith oder Eichendorff / Schubert folgten weitere kongeniale Paarungen, nur Richard Wagners »Siegfried-Idyll« zum Abschluß paßte nicht so ganz – für das Format zu groß, für den Saal (in dieser Besetzung mit je einfachen Streicherstimmen) zu klein.

Gewinn verspricht die neue Reihe allemal, das nächste Konzert findet am 10. November (u. a. mit dem Ensemble Amarcord) und dem Thema »Krieg und Frieden (1618 – 1918 – 2018)« statt.

4. Oktober 2018, Wolfram Quellmalz

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