Chor als Brückenbauer

Junges Ensemble Dresden erzählt von Georgien

Seit 2014 unternimmt das Junge Ensemble Dresden jährlich Reisen nach Osteuropa. Nach Weißrußland, Litauen und Lettland, Polen sowie der Ukraine ging es in diesem Jahr nach Georgien. Wichtig sind dem Chor nicht die Auftritte allein, vielmehr stehen Begegnungen und Austausch im Mittelpunkt. Die von Tobias Genswein initiierte Reise nach Georgien hat sich dabei als besonders erlebnisreich erwiesen, das Land als außerordentlich gastfreundlich. Nicht vergessen werden darf Olaf Katzer, der seit 2016 für das hohe Niveau des Chores verantwortlich ist.

Im Nachklang des Ausfluges im Juli gab es am Sonnabend ein Konzert in der Yenidze, in welchem der Chor deutsche und georgische Lieder vorstellte. Zum Programm gehörten die Uraufführung eines Auftragswerkes sowie arrangierte Lieder und die Unterstützung des befreundeten Jan Heinke (Obertongesang / Stahlcello), so daß – ein seltenes Glück für Veranstalter! – mit Keno Hankel, einem der Uraufführungskomponisten, Juri Dadiani, der einige Volkslieder für den Chor arrangiert hatte, und Jan Heinke dem Konzert gleich drei Komponisten beiwohnten.

Ein Chorkonzert unter der Kuppel der Yenidze mit den Gästen im Zelt, wo auch Märchen vorgelesen werden – wie sollte das funktionieren? Ganz einfach: indem die Sänger auf der kleinen Bühne direkt vor dem Publikum oder im weiten Rund standen. Für die meisten der Werke hatte das Ensemble den Rand direkt an der Kuppelwand erklommen, so daß sich ein allumgebender Klang ergab, was nicht nur gregorianisch geprägte Stücke unterstützte.

Von Heinrich Schütz (»Also hat Gott die Welt geliebt« / SWV 380 und »Selig sind die Toten« / SWV 391) und einem georgischen »Vater unser« (Juri Dadiani) reichte das Programm bis zu volkstümlichen Weisen. Jan Heinke steuerte »Den Rest meines Lebens« bei, welches Gedanken über die wichtigen Dinge in den Fokus rückte. Hier war der Chor akustisches Instrument, mußte raunen, flüstern, sprechen, unterstützt von Klangstäben und einer riesigen Stahlharfe.

Viele der Lieder waren »Mitbringsel« der Reise, doch vertieft wurde der Eindruck vor allem durch die gelesenen Texte. Elisabeth Huhn berichtete von den Erlebnissen, Philipp Maurer gab in der Rolle eines Tamadas in der Übersetzung Trinksprüche wieder, wie sie zur georgischen Gastfreundschaft gehören und die weit mehr enthalten als heitere Sentenzen, sondern vielmehr Ausdruck der Gastfreundschaft sind und viele Segenswünsche aussprechen.

Johannes Paches »Bier-Walzer« blieb aber das einzige Trinklied an diesem Abend, vielmehr vermittelte der Chor beeindruckend einen Ausschnitt seiner Erlebnisse. Daß die Reise inspirierend gewesen ist, davon zeugte eine Dialog-Komposition, welche schließlich uraufgeführt wurde. Anry Kiknavelidze und Keno Hankel waren dafür in einen regen Austausch getreten und hatten sich vom Stand ihrer Kompositionen jeweils informiert, jedoch dafür entschieden, nicht Ton für Ton ein gemeinsames Werk zu schaffen, sondern in der Reflexion aufeinander einen jeweils eigenen Teil zu schreiben. Kiknavelidze hatte somit einen Text aus dem georgischen Epos »Der Recke im Tigerfell« (Shota Rustaveli) vertont, Hankel fügte dem Hermann Hesses »Königskind« hinzu. Während der Georgier mit Liegetönen und stehendem Klang an die gregorianische Weise anknüpfte, hatte Keno Hankel mit Verteilung der Stimmen und Betonungen die Dramatik hervorgehoben.

Mit seinen vertieften Einblicken und Ausschnitten machte das Junge Ensemble Dresden neugierig auf Georgien, nicht nur auf die Musik, sondern auch auf den Geschmack, auf Farben, Formen und Gerüche. Mit »Korali« von Niko Sulkhanishvili verabschiedete sich der Chor von seinem Publikum.

30. September 2018, Wolfram Quellmalz

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