Rosenkranzsonaten

14. Leubnitzer Orgelwoche beendet

Die »Orgelwoche« in der reich ausgemalten Kirche Leubnitz-Neuostra war in diesem Jahr, zumindest was die zeitliche Ausdehnung betrifft, gewaltig gewachsen: vom 22. August bis 25. September dauerte das Musikfest dieses Mal. Doch einen »Revolutionskalender« hatte hier niemand im Sinn, vielmehr war es ein Experiment, durch eine andere Verteilung der Konzerte mehr Publikum zu erreichen – weniger gedrängte Termine, mehr Wochenenden. Der Zuspruch war sehr zufriedenstellend, so daß man auch im kommenden Jahr mit dem erweiterten Format rechnen darf. Noch offen ist, ob es dann noch »Woche« oder anders heißen wird.

Nach Kammer-, Lied- und Orgelabenden sowie einer Orgelausfahrt gestalteten am gestrigen Dienstagabend Anne Schumann (Barockviolinen), Felix Görg (Violone) und Sebastian Knebel (Truhenorgel) den Abschluß, in dessen Mittelpunkt sechs Werke aus den fünfzehn Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber standen. Faszinierend sind die Werke schon durch ihre Imaginationskraft, denn Biber hat ihnen die Stimmung (Skordaturen) von Bibelbildern eingepflanzt. Gleichzeitig konnte, wer kundig oder interessiert war, diese Bilder im Innenschmuck der Kirche wiederfinden (Biber hatte den Sonaten im Druck jeweils einen Kupferstich vorangestellt, der auch im Programm abgebildet war).

Die Sonaten sind weder im ganzen noch in den enthaltenen Variationen simple Stimmungsbilder oder schlichten Gefühlen wie Freude und Schmerz zuzuordnen, vielmehr enthalten sie Ambivalenzen und Mysterien – entsprechend »freudenreichen«, »schmerzensreichen« oder »glorreichen Geheimnisse«.

In ihrem Spiel standen Anne Schumann, Felix Görg und Sebastian Knebel den Bildern, auch den farbenreichen der Kirche, in nichts nach. Blühend und tief waren Freude oder Schmerz spürbar, aber ebenso vom Sinn erfüllt und von großer Intimität. Die alten Instrumente und Stimmungen haben gegenüber modernen eben doch mehr Ausdrucksstärke und -schärfe, was zu erleben wieder einmal berührend war.

Einnehmend war Anne Schumanns Spiel. Die Sonaten bestehen meist aus mehreren kurzen, eng verbundenen Teilen, die Virtuosität ebenso wie Kantabilität (oft zweistimmig) und rhythmische Prägnanz und enormes technisches Vermögen erfordern – nicht nur in Sonate X war Biber dem Virtuosen Paganini um viele Jahre voraus. Anne Schumann verstand es aber auch, einen fast vokalen Lamento-Gesang anzustimmen. Als Singstimme blieb die Violine natürlich bestimmend, doch war der Baß nicht nur abdunkelnd oder als Kontrast »notwendig«, sondern oft Gegenstimme und äußerst melodiös. (Allein der Violone konnte bezaubern, da er über einen weiten Tonumfang hinweg seine volltönende Stimme behält).

Eingeschoben zwischen den Sonaten hatten Sebastian Knebel und Felix Görg eine Canzon prima für Basso solo von Girolamo Frescobaldi aus der Zeit vor Biber sowie eine Toccata für Orgel solo von Georg Muffat, der ein Zeitgenosse Bibers gewesen ist.

Sinnenreich ging die Orgelwoche zu Ende und wartet nun auf eine Fortsetzung.

26. September 2018, Wolfram Quellmalz

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