»Ich habe das Stück noch nie gehört«

Zeitgenössische Cellowerke mit Uraufführung im Dresdner geh8

Musik zu spielen, die in seiner (in unserer) Lebenszeit geschrieben wurde, ist ein Anliegen des Cellisten Matthias Lorenz. Seine »Alten Meister« findet er deshalb nicht im 16. oder 17., sondern in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Ausgelöst durch Bernd Alois Zimmermann (1960) entstanden damals neue Stücke für Violoncello solo. Neben Zimmermann gehören Iannis Xenakis (1964), Helmut Lachenmann (1969) und Isang Yun (1970) zum Quartett, dem eine ganze Konzertreihe gewidmet ist. Nach einem Prolog 2014 mit allen vier Schlüsselwerken gab es in den Folgejahren »Alte Meister 1« (2015) bis »Alte Meister 4« am vergangenen Donnerstag mit jeweils einer Uraufführung und weiteren zeitgenössischen Werken des 21. Jahrhunderts. Jedes der Konzerte wurde von einem der Alten Meister gerahmt, welcher – als auslösender Impuls sozusagen – am Anfang und am Ende erklang. Im kommenden Jahr wird es einen Epilog geben, dann spielt Matthias Lorenz noch einmal die vier von ihm uraufgeführten Stücke an einem Abend.

Der »Rahmen« für die Alten Meister 4 war Isang Yuns »Glissées«, aber die anderen drei Werke standen kaum weniger im Mittelpunkt. Thematisch waren sie mit »Balance« übertitelt, was man auch synonym als Ausgleich, Gleichgewicht, Pendel verstehen kann. Balance läßt sich zwischen asiatischer und europäischer Kultur finden, in der Gewichtung von Details und dem »Großen Ganzen« oder in den Anteilen von Komponist und Interpret, von Notation und Improvisation.

Ein Einzelbestandteil von Musik und wesentliches Element ist der Ton, für den es unterschiedliche Auffassungen gibt. Im asiatischen Raum versteht man darunter viel mehr, einen Klang, der auch eine räumliche Situation einschließen kann. Das Spiel mit solchen Elementen, das Offenlegen von Mehrdeutigkeiten und deren Auflösung zum Beispiel, war mehrfach im Konzert zu erleben.

Isang Yun beschreibt in vier Sätzen einen Klang, der durch Glissandi und deren Erwiderungen (man kann sie aber ebenso als dazugehörig verstehen) Erweiterungen und Brechungen erfährt. Matthias Lorenz löste durch seine Akzentuierung gerade solche Grenzen auf, so daß selbst da, wo sich (theoretisch) Melodie und Begleitung trennen ließen, die Möglichkeit entstand, auf genau diese gewohnte Struktur zu verzichten. Yun, der in beiden Welten zu Hause war, verbindet koreanische und europäische Merkmale, und so verwundert es nicht, wenn man bei ihm kurz den Beginn aus Johann Sebastian Bachs Präludium Nr. 1 zu hören glaubt.

Auch Friedemann Schmidt-Mechaus »Morgenlachen« läßt sich vielfältig deuten. Der Komponist hat hier gar nicht einen gewöhnlichen Notentext niedergeschrieben, sondern die Bewegungen des Cellospielers in neun Figuren (für beide Hände) aufgeteilt. Sein Stück setzt er aus solchen Bewegungsvorschriften und deren Kombination (zum Beispiel Streichen und Drehen des Bogens) zusammen – Matthias Lorenz kam also die Aufgabe zu, den Klang erst einmal zu suchen. Dabei ist dem Cellisten wichtig, daß das Werk bzw. die Aufführung erst durch das Publikum vervollkommnet wird, weshalb er resümiert, daß er die Werke »nur« spielt und manche davon noch nie »gehört« hat – das ist Sache der Zuhörer.

Charlotte Seithers uraufgeführtes »krü« bezieht sich ausdrücklich auf Isang Yuns »Glissées«, ist von Glissandi geprägt und von elementaren, rauhen Klängen (»krü« ist vom französischen »cru« = roh abgeleitet). Die Komponistin erweitert jedoch den Klangraum durch ausgeprägte dynamische Figuren und deren variierte Wiederholungen. Eindrucksvoll auch der Schluß, der nicht auf den Effekt oder einen »Punkt« zielt, sondern einem Verlöschen gleichkommt – der Ton verschwindet.

Petr Baklas »Something with something else III« kann man ebenfalls als ein Stück der Balance sehen bzw. hören. Der Ton, der Klang und der Klangraum werden bei ihm immer wieder durch Tremoli geprägt, er löst Melodie und Begleitung auf wie Isang Yun bzw. verbindet sie fast kontrapunktisch, so daß sich aus einzeln wahrnehmbaren Elementen etwas Neues ergibt. Doch selbst lyrische Passagen verleiten nicht, nur einer »Schönheit« nachzuspüren.

Berückend war die Spontanität und Impulsivität, die der Wiedergabe innewohnte, was nicht nur das Publikum, sondern auch die anwesende Uraufführungskomponistin sowie ihren Kollegen Petr Bakla freute.

14. September 2018, Wolfram Quellmalz

Die »Neuen Meister 4« gibt es (wie immer) auch in Bremerhaven und Oldenburg, wo das Konzert am 25. und 26. November wiederholt wird. Weitere Informationen und Konzerttermine unter: http://www.matlorenz.de/

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