Mit doppelter Suchtgefahr

Andrè Schuen und Daniel Heide legen Schubert-CD vor

Schuen Heide

Vor drei Jahren hatten der aus Südtirol stammende Bariton Andrè Schuen und sein Klavierbegleiter Daniel Heide ihre erste gemeinsame CD mit Liedern von Robert Schumann, Hugo Wolff und Frank Martin vorgelegt, 2016 legte Schuen gemeinsam mit dem Boulanger Trio und Vertonungen Ludwig van Beethovens nach (u. a. »An die ferne Geliebte« sowie Schottische und Irische Lieder). Nun gibt es eine Aufnahme: »Schubert. Wanderer« heißt sie schlicht, was man auch als Synonyme verstehen kann. Darauf enthalten ist eine Auswahl Lieder, die sich thematisch um ein Thema: das Wandern und Suchen ranken, und allem, was damit verbunden ist – Sehnsucht, Verlust, Rückblick, Zweifel…

Wirklich gute Sänger verfügen über eine charakteristische Stimme, die man immer heraushören kann, und bei ganz besonderen spricht man auch dann von »der Stimme«, wenn man die Person meint.

Andrè Schuen könnte so einer werden – sein Bariton hat schlichtweg Suchtpotential. Er nimmt gefangen mit den ersten Silben, wenn er mit »ich komme vom Gebirge her« (»Der Wanderer«, D 493) einsetzt und erzeugt eine Spannung, die bis zum letzten Titel der CD anhält. Ob kernig (»Der Wanderer an den Mond«, D870 oder »Der Musensohn«, D 764) oder milde wie in »Im Abendrot« (D 799), »Im Frühling« oder »Des Fischers Liebesglück«, Andrè Schuen spürt jeder Gefühlslage mit Sinn nach, dann wieder werden Verlust und Seelennot fast greifbar, wie in »Totengräbers Heimweh« (D 842) – diese Stimme ist raumgreifend, packt und läßt nicht mehr los, sie verlangt praktisch danach, daß man mit ihr gestaltet.

Für einen kurzen Moment mag man noch an andere Interpretationen gedacht haben, doch das vergeht mit dem Hören nur weniger Takte, was nicht zuletzt auch dem Pianisten Daniel Heide zuzuschreiben ist, der einfühlsam der Stimme folgt, ihr ein Bett bereitet, sie umspielt und in manchen Schlußakkorden gekonnt einen Nachklang gestaltet – und sei er noch so knapp – ohne zu übertreiben, wie in »Auf der Bruck« (D 853), »Der Schiffer« (D 536) oder »Der Musensohn« (D 764). In diesem Klavierspiel liegt etwas Genialisches, und man ist gespannt, den Pianisten einmal mit einer Schubert-Sonate zu erleben.

Neben einer umfassenden Gestaltungsgabe verfügt Andrè Schuen über eine hervorragende Artikulation, die auch im besonders Leisen oder Lauten oder an den Grenzen des Tonraumes verständlich bleibt. Insofern kann der Hörer in diesem Fall leicht auf die Liedtexte, die nicht im Beiheft enthalten sind, verzichten.

Und immer wieder sprudeln die Melodien nur so, daß es eine Lust ist, wie in »Der Schiffer« (D 536) oder »Willkommen und Abschied« (D 767), dem letzten Titel auf der CD. Da gibt es nach dem Anhören nur eines – gleich noch einmal von vorn.

Andrè Schuen, Daniel Heide, »Schubert. Wanderer«: 15 Lieder, erschienen bei CAvi

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