Mehr als nur Farbe

Abschlußwochenende des Moritzburg Festivals

FREITAGABEND – LETZTES SCHLOSSKONZERT

Nun hieß es schon wieder Abschied nehmen vom Moritzburg Festival. Während zweier intensiver Wochen folgte nicht einfach Kammerkonzert dicht auf Kammerkonzert – in den sechzehn Tagen ergab sich ein Verlauf mit manchem Wandel. Nachdem die ersten Konzerte den Akademisten gehörten, formierten sich anschließend immer neue Ensembles. Nur wenige Künstler außer Jan Vogler und seiner Frau blieben die ganze Zeit, Violinistin Danbi Um war in diesem Jahr so eine Ausnahme. Die einen reisten ab, andere kamen an und prägten einen neuen Charakter. Glück bzw. das richtige Händchen hatte der Festivalleiter, als er kurzfristig seinen Bruder sowie Sopranistin Sarah Wegener ersetzen mußte. Arnaud Sussmann und Alexander Sitkovetsky als Primariae sowie Yeree Suh erwiesen sich als erstklassig!

Sein Instrument beherrschen und die Stücke »draufhaben« allein genügt eben nicht – Alexander Sitkovetsky, der nachträglich eingeladen worden war, fand am Freitagabend mit Danbi Um und Richard O’Neill (Viola) zu einem bemerkenswert luftigen Streichtrio. Sergej Tanejews Kompositionen (wie das Streichquintett G-Dur, das auch schon in Moritzburg erklang) sind oft mit kräftigen Farben und Kontrasten gezeichnet. In seinem Opus 21 umschlangen sich die drei hellen Stimmen kanonartig und heiter – die Spielfreude war hier offensichtlich.

Da konnte Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Opus 8, sein erstes (C-Dur) nicht mithalten (Ran Jia / Klavier, Danbi Um, Floris Mijnders / Violoncello). In einem Satz hatte Schostakowitsch Andante und Allegro zusammengefaßt und immer wieder für Überraschende Wendungen gesorgt, doch in seiner Prägnanz, Bestimmtheit und dem Zusammenhalt blieb das Trio etwas hinter den Erwartungen zurück.

Mit Fanny Mendelssohn ging es nach der Pause zurück in die Romantik. Die fünf Lieder Opus 10 für Sopran mit der von Otfrid Nies bearbeiteten Begleitung für Streichquartett (Danbi Um und Abigél Králik / Violinen, Nils Mönkemeyer / Viola, Floris Mijnders) begann Yeree Suh hymnisch (»Nach Süden«), wozu Nils Mönkemeyer charmant die zweite Stimme intonierte; eine Rolle, die Danbi Um in »Vorwurf« übernahm. Die Artikulation der Sopranistin war klar und frei von jedem Akzent, vor allem bezauberte sie mit anrührendem Ausdruck und Sinn für die Worte. Nicht die große Emphase zeitigte Wirkung, sondern die feine Betonung. Daß »Bergeslust«, eines der Lieder, am Tag vor dem Tod Fanny Mendelssohns entstanden ist, mag man kaum glauben und berührt uns heute noch tragisch. Deshalb sei hier an Peter Härtlings wunderbaren Roman »Liebste Fenchel« erinnert, in dem er liebevoll der Figur Felix‘ Schwester nachspürt.

Als letztes Stück im Schloß hatten Benjamin Beilman und Paul Huang (Violine), Richard O’Neill und Jan Vogler (Violoncello) Bedrich Smetanas Streichquartett Nr. 1 e-Moll aufgelegt. »Aus meinem Leben« ist es übertitelt und bezieht sich auf die tragische Lebensphase des Komponisten. Benjamin Beilman führte das Werk beherzt an, ließ seine Violine mit der Paul Huangs kontrastieren, um dann larmoyant zu schwelgen. Ob Jan Vogler als »Erzähler«, dem die anderen zu lauschen schienen oder Richard O’Neill, der das Vivace mit Pizzicati punktierte – hier waren Akzente und Zusammenhalt ausgeglichen dargeboten!

SONNABEND / KIRCHE MORITZBURG

Dem Abendkonzert am Sonnabend war noch einmal ein Portrait vorangestellt. Paul Huang, Danbi Um und Ran Jia ergötzten sich und ihr Publikum noch einmal an ebenso vergnüglichen wie virtuosen Stücken von Moritz Moszkowski, Amy Barlowe und Pablo de Sarasate. Dem kleinen »Schaulaufen« folgte mit dem ersten Klavierkonzert c-Moll von Gabriel Fauré (William Youn / Klavier, Benjamin Beilman, Nils Mönkemeyer, Henri Demarquette / Violoncello) ein großes, farbenreiches Kammermosaik. Und doch war es viel mehr als nur »französisch gefärbt«. Da mochte sich mancher fragen, ob es denn keinen Text zu diesem Gesang gäbe. Einfach umwerfend, wie die drei Streicher im Einklang spielten, phantastisch, wie sich Begleiter William Youn einzufühlen vermag! Er gehört zu den raren Klavierspielern, die als Konzertpianist ebensogut sind wie als Kammermusikpartner.

Gesungenen Text gab es schließlich doch, bei Schubert. »Auf dem Strom« (D 943) fand Yeree Suh, begleitet von Jan Vogler und Ran Jia, wie am Vortage Ausdruck und Feingefühl, das sprachlos macht. Sie verstand es, einzelnen Worten Gewicht zu geben. Und sprachliche Hürden oder scheinbar asiatische Färbungen (wie bei Vokalen oder der Kombination mit einem nachfolgenden »r«) gibt es bei ihr schlicht nicht – sagenhaft!

»Noch eins draufsetzen konnte man da nicht, aber ein süffiges Quintett anhängen, das vermochten Paul Huang, Abigél Králik, Richard O’Neill, Nils Mönkemeyer und Henri Demarquette durchaus. Antonín Dvořáks Streichquintett Es-Dur Opus 97 rankte sich immer wieder um ein Zentrum, in dem mal die Viola, mal das Cello stand (Henri Demarquette hatte in der Mitte platzgenommen). Der Viola hat Dvořák viel Gewicht gegeben, Nils Mönkemeyer unterstrich dies sogar mit Fußstampfen, als er den Einsatz für das Allegro gab. Schwermütig, sehnsüchtig und beherzt ging es durchs Quintett, mal tänzerisch, dann beseelt singend – eine reiche, spätsommerliche Pracht!

ABSCHLUSSKONZERT

Noch einmal kamen die Besucher in den Genuß Yeree Suhs Stimme. In Robert Schumanns »Sechs Gesänge« Opus 107 in der Quartett-Fassung von Aribert Reimann (Danbi Um, Abigél Králik, Richard O’Neill, Henri Demarquette) wußte sie gleichermaßen tragischen Verlust wie heitere Anmut zu entfalten.

Robert Volkmanns zweites Klaviertrio zeigte neben Ran Jin und Abigél Králik den umwerfend feinfühligen und singenden Cellisten Floris Mijnders, auch einer derer, welche das ganze Festival begleiteten und dem famosen Trio noch einmal blühende Farben spendierte.

Ein weiterer Glücksfall, der dem Festival jedoch nicht zugefallen ist, sondern sozusagen selbst erarbeitet wurde, ist Benjamin Beilman. Der junge New Yorker war vor zwei Jahren (mit frischer Debüt-CD) zum ersten Mal dabei und kehrte nun wieder. Auch er zeigte schon mehrfach, daß er ein Quartett führen und sicher leiten kann. Vollkommen verdient durfte er auch das Abschlußstück, Mendelssohns Oktett Opus 20 anführen. Doch ist es überhaupt ein Oktett, oder nicht vielmehr ein verkapptes Konzert für Violine und sieben Streicher? Auf jeden Fall ist es das einzige Stück im Festival, nach dem es eine Zugabe gibt. Diesmal waren es wieder zwei: Presto und Scherzo mußten am Ende der »tollen Zeit« noch einmal wiederholt werden.

Wie schön, daß er nach dem wehmütigen Abschied aus Moritzburg schon im Herbst zurückkehren wird. Dann beginnen mit ihm die Meisterkonzerte auf Schloß Albrechtsberg.

26. August 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Das nächste Moritzburg Festival findet vom 10. bis 25. August 2019 statt. Das erste Meisterkonzert auf Schloß Albrechtsberg gibt es schon am 26. Oktober. Benjamin Beilman und Danae Dörken spielen dann Werke von Beethoven, Grieg, Brahms und anderen.

Lesetip: »Liebste Fenchel« Peter Härtling schilderte 2011 das Leben Fanny Mendelssons in Intermezzi und Étuden (Kiepenheuer & Witsch / als Taschenbuch bei dtv)

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