Musik als maximale Freiheit

Dai Fujikura beim Moritzburg Festival

Über die normalen Konzerte hinaus bietet das Moritzburg Festival immer die Möglichkeit, einzelne Künstler in Portraits kennenzulernen. Olli Mustonen stellte sich in diesem Jahr bereits als Pianist vor (wie berichteten: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2018/08/19/moritzburg-festival-voll-erblueht/), Avi Avital wird ihm heute folgen. Am Dienstagabend gab es vorab keine Musik, sondern ein Gespräch: Wie in jedem Jahr nutzte Jan Vogler die Gelegenheit, den eingeladenen Komponisten seinem Publikum zu präsentieren. Und da lernte man Dai Fujikura als einen »stillen Rebellen« kennen, denn der äußerlich so schlicht und ruhig wirkende Japaner läßt sich nicht gerne sagen, was er tun soll. Die strikten Anweisungen seiner Klavierlehrerin und die komplexen Regeln der westlichen Musik haben ihn überhaupt erst zum Komponieren gebracht. Nur wenn er eigene Werke schriebe, könne ihm keiner sagen, wie diese gespielt werden müßten – das erkannte Fujikura mit acht.

Seine kreative Widersetzlichkeit geht soweit, daß er typische asiatische Traditionen oder Klangfarben unbedingt vermeiden möchte – was natürlich zu einer dezidierten Auseinandersetzung mit ihnen führt. Auch vertont er ungern bestehende Texte (verstorbener Dichter), sondern arbeitet mit einem Autor zusammen, ohne jedoch Verszeilen direkt in Noten zu übertragen. Vielmehr sucht er die Anregung, schafft Stimmungen, regt seinerseits mit Akkorden den Dichter zu weiteren Zeilen an. Da kann es auch einmal passieren, daß Dai Fujikura zunächst das Gegenteil von dem komponiert, was ihm der Autor aufgeschrieben hat…

Komponieren ist die vielleicht am wenigsten faßbare und bestimmbare Tätigkeit des Menschen, ein Auftraggeber kann nirgends so wenig bestimmen, wie das »Produkt« aussehen wird. In der Musik, waren sich Jan Vogler und Dai Fujikura einig, ist die Freiheit wohl am größten.

Im Resultat führt dies zu verhältnismäßig kurzen Stücken. »Silence seeking solace« (Trost suchende Stille) für Gesang und Streichquartett ist mit zwölf Minuten schon ungewöhnlich lang. Fujikuras Kompositionen, von denen er am Sonntag schon eine Reihe Solowerke vorgestellt hatte, sind oft Miniaturen voller Fragmente und Fraktale, Skizzen. Die von Jan Vogler so empfundene Transparenz und obertonreiche Textur offenbart – vielleicht entgegen dem Impuls des Komponisten – dann doch asiatische oder fernöstliche Klangbilder und Gedanken. Und diese sind – wie so oft – auf kleinstem Raum konzentriert. Frappierend nachspüren konnte man dem im Gesangsstück: Yeree Suh war kurzfristig für die nach einem Unfall indisponierte Sarah Wegener eingesprungen und hatte das Werk in nicht einmal drei Tagen einstudiert. Es war ihr zuvor nicht nur fremd, es verlangt auch eine große Spannweite der Artikulation und Darstellung. Wie klar und fokussiert Yeree Suh dies umsetzte, war schlicht atemraubend. Umgeben von Danbi Um und Abigél Králik (Violinen), Pauline Sachse (Viola) und Floris Mijnders (Violoncello) war jedes Augen- und Ohrenmerk stets auf die Worte gerichtet, die vom Flüstern bis zu gläsernen Höhen reichten.

Zuvor hatte Jan Vogler noch einmal »Eternal espace« für Violoncello solo wiederholt, das er schon am Sonntag gespielt hatte. Die kleine Programmänderung war der Umbesetzung geschuldet, das Komponistenportrait blieb damit aber erhalten.

Ein anderer Höhepunkt hatte den Abend eröffnet: der israelische Mandolinist und Weltenwanderer Avi Avital hatte gemeinsam mit Abigél Králik, Danbi Um, Nicholas Cords (Viola), Jan Vogler und Helmut Branny (Kontrabaß) zu Béla Bartóks »Rumänischen Tänzen« aufgespielt. Schon in der öffentlichen Probe am Vortage hatte sich gezeigt, wie frei und musikantisch Avital mit den ungeradtaktigen Stücken umgehen kann, wie er mit kleinen Ritardandi und Rückungen Betonungen schafft, doch nicht willkürlich, sondern einem Puls, einem Lebensrhythmus folgend – großartig!

Und trotz alldem kann man nicht sagen, daß die beiden klassischen Werke des Abends, Ludwig van Beethovens »Geistertrio« und Wolfgang Amadé Mozarts Quintett g-Moll (KV 516) »gewöhnlich« gewesen wären. Im Gegenteil! Welchen Geist auch immer Beethoven beschworen haben mag – Hamlet oder Macbeth – William Youn (Klavier), Benjamin Beilman (Violine) und Jan Vogler beschworen den Geist von Moritzburg. Bezaubernd war Benjamin Beilmans Lerchenstimme, Jan Vogler sorgte für tragenden, vorantreibenden Baß, exquisit William Youn am Bösendorfer, der sich in seine beiden Partner einfühlte, sie band – wunderbar! Ob mit leichter Wehmut oder betörender Frische – dieses Trio ließ es zu keinem Zeitpunkt an Spannung fehlen. Und dabei war Benjamin am Vortage erst angereist, direkt vom Flughafen zur Probe gefahren…

…dort hatte er sofort mit Alexander Sitkovetski (Violine), Nils Mönkemeyer (Viola), Nicholas Cords und Floris Mijnders zusammengefunden – die erstmalige Probe gleich vor Publikum. Wie schön, daß für den erkrankten Kai Vogler der moritzburgerfahrene Alexander Sitkovetski eingesprungen war!

Auch im Konzert fanden die fünf harmonisch zusammen, zunächst mit Nils Mönkemeyer im Zentrum des von Mozart so hell vorgegebenen Gleichgewichts. Das Adagio schien kaum weniger geheimnisvoll als Beethovens Largo, das gediegene Metrum des Menuetto hatte nicht die Spur Langeweile! Mit Mozarts freundlicher Lebenszugewandtheit verabschiedeten die fünf Streicher ihr Publikum (und jenes der Radioübertragung) in heiterster Stimmung.

22. August 2018, Wolfram Quellmalz

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s