Fokus Steinbach

Solowerke beim Moritzburg Festival

Seit vier Jahren gehört die Kirche von Steinbach zu den Spielorten des Moritzburg Festivals – es ist der intimste in diesen Tagen. Nicht Quartette oder Trios hört man hier, sondern fast ausschließlich Solowerke, manchmal ein Duo. Und immer wieder gibt es Johann Sebastian Bachs Solowerke mit geradezu besinnlicher Prägung. Das kleine, im dreizehnten Jahrhundert erbaute und im sechzehnten und siebzehnten erweiterte Kirchlein bietet nur wenigen Zuhörern Platz, einige sitzen im Halbkreis hinter den bzw. um die spielenden Musiker im Altarraum.

Am Freitag war es wieder soweit. Pauline Sachse, Arnaud Sussmann, Paul Huang, Floris Mijnders und Narek Hakhnazaryan aus dem aktuellen Moritzburg-Jahrgang waren herübergekommen, manche wechselten später noch zum Dinner-Konzert auf Schloß Proschwitz. Draußen war der Spätsommer trocken und hochsommerlich heiß, drinnen, mit dem Atem aller Besucher, erhöhte sich die Luftfeuchtigkeit auf Werte wie in Hongkong, stellte Pauline Sachse fest – Instrumente und Bögen waren kaum noch zu stimmen. Doch tat dies weder dem Erlebnis noch der Qualität Abbruch.

Im Gegenteil: der kleine Raum ist wie geschaffen, ein bekanntes Werk um den zusätzlichen Reiz des Spontanen zu bereichern; hier ein wenig mehr nachgeben, da ein Quentchen mehr Vibrato, dem Duopartner um einen Wimpernschlag entgegenkommen…

Arnaud Sussmann stürzte sich beherzt in Sergej Prokofjews Sonate für Violine solo Opus 115, die eigentlich zu »Anhörungszwecken« für Studenten gedacht war, also ursprünglich vor wenigen Menschen in sehr kleinen Räumen gespielt wurde – in Steinbach waren die Bedingungen ähnlich. Natürlich hat das »Übungsstück« außerordentliche Konzertqualität – Arnaud Sussmann ließ virtuos die Funken sprühen, betonte, gerade im zweiten Satz, den melodiösen Gehalt und wahrte so das musikalische Zentrum, ohne eine virtuose Schau in den Vordergrund zu rücken oder sich in strukturellen Betrachtungen zu verlieren.

Paul Huang durfte an diesem Abend gleich zweimal sein Können beweisen: mit Bachs Solopartita E-Dur (BWV 1006) sowie gemeinsam mit Pauline Sachse in Wolfgang Amadé Mozarts Duo G-Dur (KV 423). Während er bei Bach mit geradezu skulpturhafter Klarheit verblüffte und im Rondeau eine lebendige Schönheit bloßlegte, fand er mit Dresdens Violaprofessorin zu innigem Zwiegespräch. Mozart, der die Viola selbst gern spielte, hat mit dem Duo ein sonnentrunkenes Stück geschrieben, das viel zu selten gespielt wird!

Dennoch öfter als Werke von Hendrik Andriessen. Floris Mijnders offenbarte in dessen Solosonate eine musikalische Ambivalenz, einen körperlichen, bestimmenden tiefen Ton, den die Zuhörer bis in den Bauch spüren konnten. Melodisch war der obertonreiche Gesang über tiefgründendem Baß, später entwickelte das Stück Nachschattierungen, schien Seelen, Menschen auf der Flucht zu skizzieren, vom Cellisten berührend wiedergegeben!

Das Schlußwort gehörte auch diesmal Bach. Narek Hakhnazaryan hatte die Cellosuite Nr. 1. (BWV 1007) aufgelegt, und gerade hier (das Prélude dürfte einer der meistgespielten Sätze Bachs sein) zeigte sich, welche große Bedeutung ein Raum für die Aufführung haben kann, wenn der Klang bis an die Wände flutet und der Solist sich auf Nachhall und Wirkung sensibel einstellt – derart sinnlich hat man diese Suite wohl kaum erlebt!

18. August 2018, Wolfram Quellmalz

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