Die Geschichte der Leuchttürme

R. G. Grant »Wächter der See«

o Leuchttürme

Der britische Historiker R. G. Grant, der unter anderem mit Publikationen zu Kriegen, zur Militärgeschichte und zur frühen Luftfahrt in Erscheinung getreten ist, hat in diesem Jahr bei Thames & Hudson (London) ein Buch über die Geschichte der Leuchttürme veröffentlicht. »Wächter der See« ist nun auch in deutscher Übersetzung im DuMont Buchverlag erschienen.

Die Blütezeit der Leuchttürme ist eng mit dem Aufkommen der modernen Schiffahrt verbunden, doch gegeben hat es sie schon in der Antike. Der zu den sieben Weltwundern zählende Pharos, der Leuchtturm des Portus Romae oder der um 100 errichtete Torre de Hércules (Herkulesturm) waren Prachtbauten, Statussymbole und Paläste mit oft repräsentativer Funktion, aber geringem praktischen Nutzen – die offenen Kohlenfeuer (Leuchtfeuer) waren unzureichend, um wirksam sein zu können.

Leseprobe:

Leuchttürme sind immer romantisch gewesen. Selbst Liebhaber wilder, einsamer Orte haben nie gegen ihre Präsenz auf abgeschiedenen Klippen oder vor versteckten Buchten protestiert. Leuchttürme sind weniger Ausdruck menschlicher Dominanz über die Natur als vielmehr ein Hinweis auf menschliche Zerbrechlichkeit und Einsamkeit angesichts elementarer Naturgewalten.

Mit dem Aufkommen des Schiffsverkehres gewannen Leuchttürme an Bedeutung. In den 1790er Jahren, schreibt Grant, zählte man allein an den britischen Küsten um die 500 (!) Schiffbrüche per anno. So begannen die ersten Versuche zur Errichtung von Leuchttürmen auf Klippen oder Felsen am bzw. im Wasser. Der Bau war nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich und zog sich über Jahre hin. Unfälle hatten nicht selten Quetschungen und Schnittwunden oder gar den Tod zur Folge. Immer wieder wurden begonnene Fundamente zerstört.

Sobald ein Wachposten vor einer Monsterwelle warnte, ließen die Männer ihre Werkzeuge fallen und hängten sich an Sicherungsleinen. Während sie kräftig durchgeschüttelt [und durchnäßt!] wurden, riss das Wasser ihre schweren Hämmer und Spitzhacken einfach mit fort.

Baumeister wie John Smeaton (1724 bis 1792), Thomas Smith (1752 bis 1814), James Walker (1781 bis 1862) oder Léonce Reynaud (1803 bis 1880) waren die ersten, die es vermochten, funktionstüchtige Leuchttürme zu errichten und dazu beitrugen, Architektur und Ingenieurwesen zu entwickeln. Auch Robert Stevenson (1772 bis 1850) war ein berühmter Leuchtturmbauer, ihm folgten seine Söhne David, Thomas und Alan, wobei letzterer die höchste Anerkennung in der Familie erfuhr. Thomas‘ Sohn Robert Louis dagegen folgte der Familientradition nicht, er wurde Schriftsteller…

Auf die Turmbaumeister folgten Erfinder wie Aimé Argant (1750 bis 1803, Ölbrennlampe) oder Jean Fresnel (1788 bis 1827, optische Linsen), welche dem Licht zu größerer Sichtweite halfen. Drehmechanismen, Blink-, Blitz- und Farblicher sorgten später für eine eindeutige Identifikation der Leuchttürme. Während anfangs Kohle oder Holz, Kerzen oder Talglichter als Leuchtquellen genutzt wurden, verwandt man später Wal- oder Heringsöl, Paraffin, Kerosin und schließlich Elektrizität.

R. G. Grant durchstreift die Jahrhunderte der Entwicklung und der Blüte von Leuchttürmen, ihrer technischen Veränderungen und begleitet sie bis in die Jetztzeit – heute sind sie automatisiert oder haben ihre ursprüngliche Funktion verloren – 1981 verließ der letzte Wärter Eddystone Lighthouse, nur in Kanada gibt es derzeit noch bemannte Leuchttürme.

Die Lebensumstände in einem Leuchtturm draußen vor der Küste waren spartanisch. In der Regel gab es drei Räume – Küche, Wohn- und Schlafraum –, die jeweils eine Etage belegten, darunter befanden sich Lagerräume, darüber Dienstraum und Laterne. Alle Räume waren rund, mit einem Durchmesser von etwa 3,6 Metern. In der Mitte verlief die Röhre für die Gewichte [für den Drehmechanismus, Anm. d. NMB-Redaktion]. Die Kojen waren, angepasst an die Wand des Schlafraums, ebenfalls gebogen. Im Inneren des Turms herrschte wegen der enormen Dicke der Mauern und der Winzigkeit der Fenster weitgehend Dunkelheit. Die einzige Möglichkeit, dem Eingesperrtsein zu entkommen, boten oben die schmale Galerie und die Laterne – rund 30 Meter über dem Meer – und ein schmales Stückchen Fels oder Beton unten am Fuß des Turms, das man bei gutem Wetter und Niedrigwasser betreten konnte.

Sie sind bzw. waren elegant, trotzig, nur wenige plump. Allein Größe und Schlankheit verleihen vielen Leuchttürmen Grazie. Und auch nach dem Torre de Hércules gab es solche, die wie kleine Schlösser aussahen, wie Hermann Schüttes Green Point in Kapstadt von 1824 oder den »Palast« genannten Phare de Kéréon mit einer Innenausstattung von Eichenholzpaneelen und Mosaikparkett aus Mahagoni und Ebenholz.

Doch der Autor wendet seinen Blick nicht nur den Erbauern und der Technik zu, sondern auch den Männern und – ja! – Frauen, welche ihren Dienst dort versahen. Vom romantischen Bild des einsam über dem Meer philosophierenden Einsiedlers muß man sich jedoch bald lösen.

Aufgewertet wird der Band durch zahlreiche Abbildungen, vor allem von Karten und Konstruktionsplänen. Da allerdings stößt das Buch an seine Grenzen: manche sind aufgrund der Verkleinerung schwer lesbar. Auch sehr kleine Bildunterschriften, teilweise mit weißem Text auf schwarzem Grund, erweisen sich als ungünstig. Ein Verzicht auf manches Detail in den Abbildungen zugunsten größerer Formate wäre hier wünschenswert gewesen.

Ungeachtet dessen ermöglicht »Wächter der See« einen faszinierenden Blick in die Welt der Leuchttürme, von den felsigen Küsten Englands und der Bretagne bis nach Australien und Amerika. Auch Deutschland ist mit dem ersten Leuchtturm auf Kap Arkona / Rügen von Karl Friedrich Schinkel (1827), Dornbusch / Hiddensee, Helgoland (im Zweiten Weltkrieg zerstört), Westerheversand / Eiderstedt und dem Leuchtturm Roter Sand / Nordsee vertreten.

R. G. Grant »Wächter der See. Die Geschichte der Leuchttürme«, aus dem Englischen von Heinrich Degen, DuMont, fester Halbleineneinband mit farbigem Druck und Prägung, 250 farbige Abbildungen, 100 s/w-Abbildungen, 160 Seiten, 28,- €

Lo2 Leuchtturm

Nicht im Buch enthalten: der Staffageleuchtturm am Teich von Moritzburg bei Dresden. Friedrich August III. ließ ihn 1780, beeindruckt von Berichten des russischen Admirals Alexei Grigorjewitsch Orlow, mitsamt Mole errichten und spielte hier Seeschlachten nach. Photo: © Heike Großmann

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