Alle sind die Besten!

Lange Nacht der Kammermusik beim Moritzburg Festival

Es war bereits das letzte Konzert mit Teilnehmern der Moritzburg-Akademie. Nach knapp zwei intensiven Wochen mit verschiedenen Werken der Orchester- und Kammermusikliteratur, die alle vor Ort mit den Tutoren erarbeitet wurden (es kam also niemand mit vorbereiteten Stücken), stellten sich 24 der 32 Akademisten am Donnerstag in der Evangelischen Kirche Moritzburg in fünfzehn Ensembles und Stücken vor. Mittlerweile ist die Sommerakademie so etabliert, daß es manche Musikerin oder Musiker sogar ein zweites Mal in die Auswahl geschafft haben, wie Oboist Max Vogler oder die Medizinstudentin (!) Franziska Hodde (Viola). Wie immer spielten sie Sätze aus Kammermusikwerken von Mozart bis zur Gegenwart. Alberto E. Ginasteras Streichquartett Nr. 1, mit geradezu spektakulärer Energiegeladenheit vorgetragen von Amy Sze und Grant Houston (Violinen), Gordon Lau (Viola) und Atticus Mellor-Goldmann (Violoncello), war das jüngste Werk des Abends. Es markierte gleichzeitig die Kategorie »20. Jahrhundert«, in der es diesmal besonders schwer war, einen Gewinner festzulegen. Wie übrigens auch in der Kategorie »19. Jahrhundert«. Und im »18. Jahrhundert«.

Der Abend hatte schon mit der feinen Ausgewogenheit von Haydns Opus 20 Nr. 4 begonnen. Das Allegro di Molto mit Sangwoo Jun und Yip Wai Cow (Violinen), Gordon Lau sowie Anne Keckeis (Violoncello) begeisterte mit Leben und klarer Stimmführung (und blieb bis zum Schluß mein Favorit).

Doch wie sollte man überhaupt wählen? Das frühere Verfahren, einen ersten, zweiten und dritten Preis aus den Publikumsstimmen zu küren, ist möglicherweise komplizierter und läßt gegebenenfalls Schostakowitsch auf Mozart prallen, die nunmehr praktizierte Kategorisierung nimmt dem Preis durch die Vervielfältigung vielleicht etwas an Wert – einfacher wird es dennoch nicht. Da sind zum Beispiel so verblüffende Solistenleistungen wie von Max Vogler oder Bar Zemach (Horn) – 20 und 18 Jahre alt! – die in Heinrich von Herzogenbergs Trio (mit Haruka Watanabe / Klavier) betörend schwärmerisch spielten. Oder Yip Wai Cow, Sarah Nojosa Barboza (Violine), Erin Pitts (Viola) und Atticus Mellor-Goldmann, die (stehend spielend) in Sofia Gubaidulinas zweitem Streichquartett gläserne Fragilität, expressive Spannung und meditative Ruhe innerhalb kürzester Intervalle vollzogen. Pianistin Haruka Watanabe bewies deutlich mehr Einfühlungsvermögen als Olli Mustonen am Vortag. Bei ihr durfte der schöne Bösendorfer auch einmal sachte schimmern.

Grant Houston – noch so ein Name, den man sich merken sollte. Denn der junge Amerikaner hatte nicht nur bei Ginasteras mitgewirkt, er war darüber hinaus Primarius in Edvard Griegs Streichquartett Opus 27 (gemeinsam mit Kristina Marusic, Franziska Hodde und Roni Chazan). Das Un poco andante – Allegro molto ed agitato war derart »bündig«, flüssig und farbenreich, daß es noch mehr Spannung hatte als die am Vorabend gehörte Festival-Fassung! Das sorgte für gehöriges Staunen, für spontanen Zwischenapplaus und schließlich für den Gewinn des Moritzburg-Preises in der Kategorie, trotz Herzogenberg.

Im »17. Jahrhundert« setzten sich schließlich Che-Lun Liu (Violine), Amy Sze, Edit Pitts, Simon Eberle (Violoncello) und Heidi Rahkonen (Kontrabaß) durch, welche Luigi Boccherinis Streichquintett D-Dur mit jubilierender Viola spielten – in der (original) vom scheinbar »typischen« Boccherini abweichenden Besetzung (der Komponist wurde vor allem wegen seiner Streichquintette mit zwei Violoncelli berühmt).

Und im Zwanzigsten Jahrhundert? Da gewann – erwartungsgemäß und völlig verdient – Paul Hindemiths launige Musikpersiflagen aus »Minimax« (Marie Leonhardi, Hyesook Lee / Violinen, Franziska Hodde, Simon Eberle). Leider nicht prämiert wurden damit Anastasiia Gerasina (Violine), Sangwoo Jun, Haesue Lee (Viola) und Anne Keckeis, welche das Andante aus Pavel Haas‘ zweitem Streichquartett ungeheuer zart, sehnsüchtig und liebevoll gespielt, mit Fragilität und Klangfülle gleichermaßen ausgestattet hatten. Doch auch Philippe Gauberts Tarantella für Flöte, Oboe und Harfe (Fuki Wang, Max Vogler und Haruka Watanabe) bewies, wie sinnig sich Charme und Präzision verbinden lassen…

Da kann man nur sagen – alle waren die Besten!

So soll es auch weitergehen. Aus 16 Nationen kamen die Teilnehmer in diesem Jahr, aus circa 470 Bewerbungen wurden sie ausgewählt. Dafür gibt es einige Juroren, nur Akademiedirektorin Mira Wang hat sich alle (!) angehört. Am schwierigsten sei es gewesen, sagte der künstlerische Leiter Jan Vogler, die Vorauswahl der Besten, was ca. noch 60 Musiker gewesen waren, noch einmal zu minimieren. Aber die Akademie kommt an. Sie wird nicht nur nachgefragt, sie hat auch Förderer, was wichtig ist, da es sich um ein Vollstipendium handelt, das finanziert werden will, so daß den Teilnehmern keine Kosten entstehen. Um so schöner, daß mittlerweile fast jeder einen Paten hat, der den Besuch in Moritzburg finanziell stützt!

17. August 2018, Wolfram Quellmalz

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