Feuer und Farbe

Kat Gordon »Kenia Valley«

Kenia, Mitte der Zwanziger Jahre: Die Millers siedeln aus Schottland in die britische Kolonie über. Der Vater, ein Ingenieur, ist mit dem Auf- und Ausbau der Eisenbahn beschäftig. Das moderne Verkehrsmittel spielt eine wesentliche Rolle bei der Erschließung (und Kolonialisierung) des Landes.

Die Millers haben zwei Kinder – Theo, den anfangs 14jährigen Ich-Erzähler, und dessen jüngere Schwester Maud. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist spannungsgeladen – Theo entfernt sich mehr und mehr von ihr und meidet sie. Nur die Beziehung zu Maud ist unbelastet und im Leben der Geschwister die vielleicht wichtigste Familienbindung.

In der neuen Heimat lernt Theo etwa zehn Jahre ältere Freunde sowie deren Kreis und die Freizügigkeit von »Kirlton-Partys« kennen. Freddie wird zum bestimmenden Vorbild, in Sylvie verliebt er sich unsterblich. Beide Beziehungen sind mehr als eine jugendliche Schwärmerei und bleiben lange bestehen. Zu lange vielleicht, denn der Freundschaft opfert Theo manche andere Beziehung. Während er der Mutter aus dem Weg geht und sie überwiegend negativ betrachtet, fehlt ihm die kritische Distance zu seinen neuen Freunden, und es dauert lange, bis er sie in Frage stellt und manches erkennt.

Leseprobe:

»Wie schnell du neue Freunde findest, Freddie«, sagte eine Frauenstimme, und ich spürte, wie sich mein Körper unter seiner Hand anspannte, als sie ins Licht trat; ihre Augen wirkten noch dunkler und größer als beim letzten Mal. Ich erhaschte einen Hauch ihres Geruchs in der Luft – moschusartig, fruchtig und so berauschend wie ihre rauchige Stimme. Sie sprach mit leichtem amerikanischen Akzent, und ihre Stimme klang vollkommen anders, als ich sie mir in den zahlreichen fiktiven Gesprächen in den vergangenen Tagen ausgemalt hatte.

Kat Gordon ist ein faszinierender Entwicklungsroman gelungen, den sie verblüffend einfühlsam aus der Sicht des anfangs noch jungen Helden erzählt. Daß ein Autor oder eine Autorin für die Protagonistin bzw. den Protagonisten das Geschlecht »wechselt«, ist nicht ungewöhnlich, doch sich als erwachsene Frau in einen Teenager zu versetzen, ein Wagnis. Es ist Kat Gordon jedoch gelungen.

Vor dem historischen Hintergrund von exotischen Orten und Regionen wie Tanganjika, Naivasha, den Aberdare-Bergen oder Mount Longonot zeichnet die Autorin ein Gesellschaftsbild von Aristokraten nach, welche als Herren in der fernen Kolonie alte Rechte zu erhalten suchen, die in der Heimat längst einem Wandel unterworfen sind. Gleichzeitig befindet sich ganz Europa in einem Strudel nationalsozialistischer und faschistischer Ereignisse.

»Kenia Valley« ist ein spannungsgeladenes Buch und hätte auf die Einleitung, die einem Paukenschlag à la Hollywood gleichkommt, verzichten können. Man fragt sich unwillkürlich, ob der Roman den Vorsatz in seiner Ursprungsfassung schon hatte, oder ob er erst später aus Marketing-Erwägungen hinzugekommen ist. Doch abgesehen davon entwickelt sich schon mit dem Einstieg des ersten Teils der Sog einer abenteuerlichen, märchenhaften Geschichte; sie trägt aber auch realistische Züge und läßt ihren Leser nicht kalt – bestimmt nicht!

14. August 2018, Wolfram Quellmalz

L6 Kenia Valley

Kat Gordon »Kenia Valley«, aus dem Englischen von Mayela Gerhardt, Roman, Atlantik, fester Einband, Schutzumschlag, Lesebändchen, 432 Seiten, 20,- €, auch als e-Book (14,99 €)

Schon für »The Artificial Anatomie of Parks« war Kat Gordon 2015 für die Shortlist des Not-the-Booker-Preises nominiert. Der Titel ist bisher noch nicht auf deutsch erschienen.

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