Mit gestalterischem Sinn

Preisträgerkonzert mit Jeung Beum Sohn in der Frauenkirche

Nach Sarah Christian (Violine) vor zwei Wochen stellte sich am Sonnabend mit Jeung Beum Sohn (Klavier) der nächste Preisträger des ARD-Musikwettbewerbes dem Publikum in der Unterkirche der Frauenkirche vor. Kühl war es dort allerdings nicht – auch der Pianist schwitzte ordentlich. Dennoch erwies er sich aber als äußerst feinfühliger Gestalter.

Der Pianist, der seine Studien bei Arnulf von Arnim (wir haben ihn im vergangenen Jahr beim Pianoforte Fest Meißen erlebt: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/07/29/worauf-es-ankommt/) in München vervollkommnet hat, stellte Wolfgang Amadé Mozarts zauberische Phantasie d-Moll (KV 397) an den Anfang und legte mit vorsichtigem Pedaleinsatz die Ambivalenz der Komposition offen: fragend und zögerlich zu Beginn, wendet sie sich schließlich dem Licht zu, entläßt den Zuhörer mit einem Lächeln. Jeung Beum Sohn hielt das Stück mit kleinen Fermaten und sanften Umschwüngen, mit Empfindsamkeit in der Waage. Ärgerlicherweise gab es auf Seiten des Publikums gerade anfangs sehr viel Unruhe, was den fabelhaften Eindruck störte.

Auch Frédéric Chopins Étuden Opus 25 ließ Jeung Beum Sohn so viel Feingefühl angedeihen. Die erste (Allegro sostenuto, As-Dur) entfaltete sich sanft umspielend wie eine leichte Meeresbrandung, die zweite (Presto, f-Moll) schien er aus dem Nichts zu sublimieren, was den Pianisten nicht hinderte, ihr eine wahrhafte Schmetterlingslebendigkeit mitzugeben. Manche der Étuden fügte Jeung Beum Sohn in Paaren zusammen, zwischen anderen ließ er Raum für kleine, den Charakterwechsel glättende Zäsuren, auch wenn sie als Tribut an die schweißtreibende Hitze manchmal etwas lang gerieten. Zwar mag dies den Spannungsbogen hier oder da unterbrochen haben, doch Sohns gestalterisches Spektrum war allemal groß genug, den Charakter der einzelnen Stücke zu offenbaren, ohne ihn übermäßig hervorzukehren. Das Lento (Nr. 7, cis-Moll) schien fragend wie Mozarts Phantasie, in den letzten vier Étuden wiederum vollzog Jeung Beum Sohn von verwegen über virtuos bis dramatisch eine zwingend scheinende Steigerung, die dennoch Raum für das Kleinode eines poetischen Einschubs darbot (Nr. 10, Allegro Assai) und auf eine Virtuosität allein des Effektes willen verzichtete.

Nach der Pause gab es mit Peter Tschaikowskys »Dumka« Opus 59 und Sergej Prokofjews Sonate Nr. 7 Opus 83 zwei Werke, die deutlich kräftigere Farben erlauben und kleine musikalische Bilder schufen. Tschaikowskys »Scène rustique russe« begann ein weiteres Mal sanft, gewann vor allem durch eine sensible Akzentuierung, bevor der Rhythmus der Lebendigkeit Bahn brach.

Eine noch bestimmendere Rolle spielt der Rhythmus bei Prokofjew. Tragend, treibend stellte ihn Jeung Beum Sohn in den Ecksätzen heraus, schuf durch einen differenzierten Baß aber auch hier ebenso Fundament wie Betonung – ein einzelner Ton kann durch leichte Hervorhebung zum Zentrum wachsen. Diese Spannung ließ allerdings manchmal nach, wenn die treibende Kraft ausblieb, wie im Seitenthema des ersten Satzes.

Wie schade, daß Jeung Beum Sohns Spiel durch allzu vieles Klappern, Handyklingeln und Getuschel gestört wurde. Die – berechtigte – Begeisterung sollte sich natürlich im Applaus ausdrücken, eine Fußballstadionatmosphäre paßt allerdings sowenig zur Musik wie in die Kirche! Für den Zuspruch bedankte sich der Pianist mit einer träumerischen Zugabe (Debussy), die am Ende an die Schönheit Mozarts anschloß.

5. August 2018, Wolfram Quellmalz

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