Die zehnte, aber nicht die letzte

Kammersänger Peter Schreier begrüßte Künstler und Gäste zur Schumanniade Reinhardtsgrimma

Vor fast zwanzig Jahren hatte es begonnen. Damals, 1999, richteten Peter Schreier und der »Robert Schumann« Kreischa e. V. die erste Schumanniade aus. Ein Vorbild war die Schubertiade Schwarzenberg gewesen, zu welcher der Kammersänger viele Jahre eingeladen wurde. Mit der Schumanniade wurde der Komponist endlich ein wenig mehr ins Bewußtsein des Dresdner Musiklebens gerückt. Zu recht, immerhin entstand ein Großteil Schumanns Œuvres während der Dresdner Jahre 1844 bis 1850, manches davon in Kreischa. Im Vergleich zu Richard Wagner oder Richard Strauss war der Komponist in Dresden jedoch klar unterrepräsentiert – bis 1999.

Seitdem gab es alle zwei Jahre die Schumanniade, nur um das Jubiläum 2010 zu treffen, hatte Peter Schreier den Turnus einmalig angepaßt. Immer wieder lockte er bedeutende Künstler ins Dresdner Hinterland. Norman Shetler und Gert Westphal waren im ersten Jahrgang dabei, der hochtalentierte und begehrte Alexander Krichel gab bei der letzten Schumanniade ein Konzert – sehr charmant übrigens. Wichtigster Pianist der Ära Schreier war aber wohl Sir András Schiff. Er kam oft und gab einst als Zugabe die ganzen »Kinderszenen«, denen er dann noch den »Fröhlichen Landmann« hinzufügen mußte. Auch in diesem Jahr war er wiedergekommen.

Nach einem Liederabend im Schloß Reinhardtsgrimma am Vorabend trafen sich die Vereinsmitglieder aber zunächst im Kurpark Kreischa. Denn vor dem Sonnabendkonzert wurde hier eine Bronzebüste des Kreischaer Bildhauers Hans Kazzer enthüllt, die Peter Schreier darstellt. Nicht weit entfernt davon, ebenfalls am Ufer des Teiches, steht eine Büste von Robert Schumann – auch sie ist Peter Schreiers Wirken bzw. der Schumanniade zu verdanken. Von Dankbarkeit geprägt waren daher die Worte von Dorothea Konrad (2. Vorsitzende des Vereines) und Bürgermeister Frank Schöning, dem bewußt ist, welches Kleinod er dem Kammersänger zu verdanken hat. Denn nicht nur Künstler kommen aus aller Welt nach Kreischa, auch die Konzertbesucher reisen aus ganz Deutschland an, manche kommen aus Österreich, Großbritannien, Japan. Um so mehr freuten sich alle, daß Peter Schreier der Enthüllung beiwohnte. Der entgegnete der Huldigung bescheiden, daß es doch bitte kein Personenkult werden solle, bedankte sich vor allem beim Verein für die Unterstützung, Erhaltung und Fortführung der Schumanniade, weil auf diese Weise etwas getan werde, das Erbe fortleben zu lassen. Daß Schumann gerade hier zum Beispiel viel für die Familie, die Kinder geschrieben hat, liegt dem Familienmenschen Schreier besonders am Herzen.

Selten gespielte Werke oder Fassungen sind ebenfalls typisch für die Schumanniade. Und so gab es in der Kreischaer Kirche Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner in der vom Komponisten angefertigten Fassung mit Klavierbegleitung zu hören. András Schiff entschuldigte sich vorab, daß er sich zwar bemühen werde, aber letztlich doch kein Orchester sei. Den für ihn ungewohnten Part erfüllte er dann aber mit gewohnter Bravour, das Solistenquartett bestand mit Zoltán Mácsai, Jochen Ubbelohde, Julius Rönnebeck und Miklós Takács aus Hornisten der Sächsischen Staatskapelle.

Mit Robert Schumanns zweiter Violinsonate erklang anschließend ein von Kennern zu den höchsten Gattungsbeiträgen gezähltes Werk. Yuuko Shiokawa ließ besonders in mittleren und tiefen Passagen die Gesangsstimme der Violine hervortreten, im zweiten Satz schien es, als würden sie und ihr Mann András Schiff die Fanfaren des zuvor erklungen Hornstückes noch einmal aufleben lassen. Das Echo kam von draußen, wo Vögel in der Abenddämmerung sangen – Romantik, ganz ohne Kitsch.

Den Abschluß bildete noch etwas Besonderes: das Andante und Variationen Opus 46 in der Originalfassung. Denn ursprünglich hatte Schumann dem Werk außer den beiden Klavieren (2.: Schaghajegh Nosrati) noch zwei Celli (Simon Kalbhenn, Martin Jungnickel) und ein Horn (Zoltán Mácsai) hinzugefügt. Johannes Brahms hatte diese Besetzung besonders geschätzt und deshalb die Noten rekonstruiert, da das Original verlorengegangen war. Nicht eine Stimmung herrschte nun vor, sondern die individuellen Stimmen. Während die beiden Klaviere zu einem Instrument verschmolzen, fanden die Celli im Chor zusammen, das Horn fügte in expliziten Passagen seinen goldenen Ton bei.

Die Matinée auf Schloß Reinhardtsgrimma am Sonntag war zunächst noch einmal von Worten des Dankes und der Verabschiedung Peter Schreiers geprägt. Der betonte seine Verbundenheit mit András Schiff und erinnerte auch an den Mitgründer Martin Schneider-Marfeld. Die Konzerte mit Schiff seien nicht nur Höhepunkte gewesen, sondern Glücksfälle, die Schreier gerne angenommen habe. Künftig wird nun Kammersänger Olaf Bär die künstlerische Leitung der Schumanniade in die Hände nehmen. Er tue dies mit Respekt und dem Bewußtsein für die Verantwortung, sagte Olaf Bär.

András Schiff begann die Matinée mit den »Geistervariationen«, dem letzten vom Komponisten verfaßten Werk – für Schiff ein musikalisches Testament. Darin offenbarte er bedenkliche, nachdenkliche und ernüchterte Stimmungen, aber auch viel Lebenskraft und Frische und rückte den poetischen Ton Schumanns in den Vordergrund. Dieser wohnte nicht weniger den Davidsbündlertänzen Opus 6 inne. Schiff hatte sich für deren Erstfassung entschieden, da sie die Charakterstudien noch chamäleonhafter ausdrückten. Und auch die Phantasie C-Dur Opus 17 erklang so, wie sie wohl nur András Schiff spielen kann: die Abschrift einer Frühfassung, die Schumann später revidiert hatte, hat der Pianist durch einen Hinweis Charles Rosens in der Budapester Bibliothek aufgespürt.

Noch einmal verabschiedete András Schiff das Publikum mit dem »Landmann« – Abschied, ja, aber ein fröhlicher. Die XI. Schumanniade gibt es in zwei Jahren.

25. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Am 7. Juli erscheint eine Broschüre »Schumanniade. 1999 bis 2018« mit allen Programmen und Künstlern. Erhältlich über den »Robert Schumann« in Kreischa e. V.

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