Neue Sichtweisen

Geistliche Werke von Johann Gottlieb Naumann und Ludwig van Beethoven mit dem Vocal Concert Dresden

Was macht man am frühen Sonntagabend in Dresden? Musikfreunde pilgerten wieder einmal in die Annenkirche, wo das Vocal Concert Dresden mit seinem Leiter Peter Kopp und dem Dresdner Instrumental-Concert zwei außerordentliche Werke aufführte. Sowohl Johann Gottlieb Naumanns Kantate »Gottes Wege« als auch Ludwig van Beethovens Messe in C-Dur (Ordinarium missae) sind deutlich vom Aufbruch am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet. Die Kirchenmusik war auf der Suche nach einem neuen Weg, wofür Komponisten und Textdichter ebenso unterschiedliche Ansätze fanden wie sich auch der Umgang mit bestehenden Texten wandelte. Beethovens Messe ist deutlich vom humanistischen Gedanken geprägt und stellt nicht einen demütig sein Schicksal annehmenden Menschen in den Mittelpunkt, sondern einen Gott selbstbewußt sein Antlitz zeigenden, zuversichtlichen.

Doch der erste Teil des Konzerts galt dem Dresdner Kirchencompositeur und späteren Hofkapellmeister Johann Gottlieb Naumann. In Dresden (Blasewitz) geboren und in der Residenz verstorben, führte ihn sein Weg bis nach Italien und Mecklenburg. Für den Hof von Ludwigslust komponierte er die Kantate, der ein Text nach Versen aus Psalm 73 (Anfechtung und Trost beim Glück des Frevlers) des Schweriner Probstes und Dompredigers Heinrich Julius Tode zugrunde liegt. Neben einer reichen Instrumentierung ist sie durch zahlreiche Chor- und Choralteile gekennzeichnet, was allein schon auf eine hervorragende Hofkapelle in Ludwigslust rückschließen läßt.

Naumann hat den Text nicht nur effektvoll um- sondern geradezu in Szene gesetzt. Das Vocal Concert Dresden fand hier Gelegenheit für eingängig-warme Choräle und exzellent gestaltete Chöre, auch wenn die Solisten eine deutlich hervorgehobene Rolle spielten. Mit Maria Perlt und Christiane Wiese (Sopran), Britta Schwarz (Alt), Stephan Scherpe (Tenor) und Andreas Scheibner (Baß) waren diese erstklassig besetzt. Beeindruckend war wieder einmal der warme, geschmeidige Ton Britta Schwarz‘ oder Andreas Scheibners klare, textvermittelnde Diktion. Die erste Sopranistin muß damals in Ludwigslust hervorragend gewesen sein. Maria Perlt tat es ihr mühelos nach und überraschte – nur die wenigsten dürften das Werk schon gekannt haben – mit einem schier unglaublichen Koloraturfeuerwerk, das sie in der Arie »Du, welcher von des Donners Schwingen« mit der Zeile »aus deiner Hand kommt nichts als Heil« brillant darbot. Dafür gab es vom erfahrenen Annenkirchenpublikum (ganz unvermeidbar!) Zwischenapplaus. Ein Novum – man stelle sich das in einer Bachkantate vor!

Doch damit nicht genug, denn Naumann hat weiteres szenisch belebt. Und wer dem Duett bzw. Diskurs von Tenor und Baß folgte, welche die Weisheit des Herren, Trennendes und Einendes, Verdammnis und Herrlichkeit aneinander spiegelten, hatte doppelten Gewinn.

Der war auch musikalisch gegeben, denn das Orchester um Konzertmeisterin Anne Schumann prunkte nicht nur mit feinen Bläsersoli, sondern gab der Kantate zuerst eine wunderbare Baß-und-Tutti-Grundierung. Und wenn Tode den Text ordentlich poltern ließ (»Die Wetterwolke fährt, wie fürchterlich!«), gab Naumann dem einen ordentlichen Paukendonner bei.

Die 23 Jahre später entstandene Messe Beethovens ist trotz ihres berühmten Autors kaum weniger bekannt als Naumanns Kantate, und zunächst wartet sie auch nicht mit derartigen Effekten auf. Doch sogleich entwickelte sich hier ein (ganz anderer) Sog. Nicht wenig lag der in den Klarinetten begründet, welche die »üblichen« Holzbläser (Oboen, [Travers-]Flöten) ergänzten und zum romantischen Schimmer der Messe beitrugen. Das Solistenquartett (nur mit Sopran I) blieb ausgewogen, doch die wesentlichen und charakteristischen Passagen lagen nun beim Chor, der schon früh den Jubel, die positive Erhellung der Erleuchtung verdeutlichte. Neben einer stabilen Homogenität verfügt das Vocal Concert auch über tragfähige Stimmgruppen, die für ausdrucksstarke Betonungen sorgen können.

Und dennoch hat Beethoven kein grundsätzlich positives, also unreflektiert »fröhliches« Werk geschrieben. Das Schicksal in die Hände nehmen, ja, aber die Hinwendung zum Text bleibt erhalten und wird auch hinterfragt. So behielt das »Dona nobis pacem« seinen amalgamischen Charakter, der sich aus Zuversicht, Hoffnung und (eben doch) Demut zusammensetzt, wovon nicht zuletzt Flöte (aufsteigend) und Horn (absteigend) mit dem gleichen, aber gegensätzlichen Motiv künden.

18. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: demnächst erscheint im Carus-Verlag die neueste Einspielung »Florilegium portense« des Vocal Concert Dresden mit Motteten und Hymnen aus vier Jahrhunderten.

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